Cuteness als Haltung

Zu blond, zu hübsch, zu naiv: Frauen, die die typische Barbie-Ästhetik zelebrieren, werden nicht nur oft nicht ernst genommen. Sie spalten auch die feministische Szene – und die Popkultur. Dabei waren Lipgloss, Handtaschen und High Heels nie das eigentliche Problem. Eine Liebeserklärung an die Tussi.

Illustration von 3 Personen laufend auf einer Straße
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Magazin 01 / 2023

online veröffentlicht

28 Mai 2024

An dieser Stelle sollte ein Text stehen, der die komplexen Wechsel- und Abhängigkeitsbeziehungen zwischen Feminismus und Mainstream, politischer Bewegungen und Popkultur untersucht. Es sollte ein Text darüber werden, dass selbst innerhalb feministischer Kontexte unterschiedliche Rezeptionslogiken vorherrschen. Bestes Beispiel dafür und noch immer eins meiner Lieblingsthemengebiete: die Tussi.

An dieser Stelle sollte ein Text stehen, der die komplexen Wechsel- und Abhängigkeitsbeziehungen zwischen Feminismus und Mainstream, politischer Bewegungen und Popkultur untersucht. Es sollte ein Text darüber werden, dass selbst innerhalb feministischer Kontexte unterschiedliche Rezeptionslogiken vorherrschen. Bestes Beispiel dafür und noch immer eins meiner Lieblingsthemengebiete: die Tussi.

Warum gilt sie auch heute noch – und selbst in feministischen Kreisen – häufig als dumm? Als eine, die lediglich den Male Gaze bedient? Als hohle Konsumentin von Strass, Glitzer, Fashion und Lifestyle, als verkörperte und lebendige Untergrabung emanzipatorischer Errungenschaften? Als sexy Augenschmaus, die männliche Gier und Geilheit stillend, statt als kluge und progressive und vor allem unabhängige Power- und Süßmaus?

Statt ihr eine subversive, gesellschaftskritische Haltung zuzuschreiben (oder sie schlichtweg in Ruhe zu lassen!), wird häufig dem längst überholten Narrativ der Frauenbewegung der Zweiten Welle nachgeeifert. Der Idee, dass sich gegen die idealisierte (Norm-) Schönheit richten muss, wer die sexistische Betrachtung des weiblich gelesenen Körpers, die diskriminierende und nur einige wenige mit Privilegien ausstaffierende männliche Praxis durchbrechen will.

Die Tussis werden dabei als ungebildete Komplizinnen des unterdrückenden Systems verstanden. Doch, Moment mal! Ist das nicht zu kurz gegriffen? Denn nie waren Lipgloss, Handtaschen und High Heels das Problem, sondern immer patriarchale Zwänge. Außerdem hat sich das Bild der Tussi längst verändert. Die Tussi ist nicht mehr nur weiß, blond, dürr und entweder sehr reich oder sehr arm. Sie ist irgendwie alles, sofern sie denn will.

Schon während der Dritten Welle der feministischen Bewegung gab es eine Neubetrachtung der Tussi. Die Feminist:innen der 1990er-Jahre wussten Popkultur und Massenmedien für sich zu nutzen. Intersektionalität – also die Berücksichtigung verschiedener gleichzeitig wirkender Marginalisierungsmöglichkeiten wie Race, Class, Gender – wurde zu einem unverzichtbaren Kernelement.

Seit einem Jahr werde ich dazu befragt, warum ich als ernstzunehmende Schriftstellerin oder Künstlerin so gern als eben jene Tussi darstelle. Offenkundig gilt das als Widerspruch.

Einige Feminist:innen sahen die Möglichkeit, Stereotype umzudeuten oder zu subvertieren, indem sie diese bewusst übertrieben oder ironisierten. Durch diese subversive Herangehensweise sollte die Absurdität und Begrenztheit solcher Stereotype verdeutlicht werden. Ein Beispiel dafür ist der Begriff „Bimbofizierung“, der von einigen feministischen Theoretiker:innen der Dritten Welle verwendet wurde. Diese argumentierten, dass die scheinbare Oberflächlichkeit und Dummheit manchmal bewusst angenommen werde, um bestimmte Vorurteile auszunutzen oder zu untergraben, wie zum Beispiel Erwartungen an Intelligenz oder Erfolg – was die mediale Präsenz dieser Strategie einerseits bestärkt, andererseits hinterfragt. Es geht dabei um Trennschärfe, um das Vermögen, die Codes und Stereotype überhaupt erkennen zu können. Ansonsten wird das Reenactment nur zur weiteren Verkörperung der Dummen – und hat damit wenig Veränderungspotenzial.

Ich denke an all die Filme und Serien mit der „dummen Tussi“ als Charakter, als Figur. Die Protagonistinnen aus Married… with Children (deutsch: Eine schrecklich nette Familie), Stiffler’s Mom aus American Pie, Tanya McQuoid in The White Lotus, aber auch an den Bruch in Legally Blonde (deutsch: Natürlich Blond). Dann denke ich an die Gegenentwürfe. Nicht im Sinne der Konkurrenzstereotypisierungen (Tomboy vs. Tussi), sondern an die hyperfeminine, übertriebene Performance – ohne dabei ironisch oder verachtend zu sein. Das beinhaltet in Teilen sowohl Ballroom und Drag, aber eben auch die Darstellungen von Popikonen wie Shirin David, Cardi B und Nicki Minaj. Ich denke an die Gleichzeitigkeit. Auch an die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher feministischer Strömungen.

Derzeit erleben wir die Vierte Welle des Feminismus. Diese Phase ist vor allem durch die Nutzung sozialer Medien geprägt, die eine neue Form des internationalen Zusammenschlusses und der Organisation ermöglichen. Und vielleicht auch dadurch, dass es endlich eine Versöhnung mit der Tussi zu geben scheint. Das aktuelle Feiern und Zelebrieren des Barbiecore ist sowohl dem Revival der Y2K-Fashion zuzuschreiben als auch der Loslösung von der damals vorherrschenden toxischen Celebrity Culture. Das ist Cuteness als Haltung. Das ist das Ausleben einer (Hyper-)Femininität, ohne die Sorge, dafür bestraft zu werden. Ich denke an Paris, Lindsay, Britney, Nicole. Wie aggressiv diese jungen Frauenkörper in der Öffentlichkeit damals betrachtet und bewertet wurden. Und ich frage mich: Inwiefern ist das gegenwärtig? Der Modus hat sich verschoben. Klatschzeitschriften und -sendungen sind heute nicht mehr so relevant. Die Tussi als polarisierende Figur schon.

Denn nie waren Lipgloss, Handtasche und High Heels das Problem, sondern immer patriachale Zwänge.

Es macht ja auch Spaß. Nicht nur das Leben als Tussi und die Frage, ob dies überhaupt möglich ist, wenn man zudem in der Kultur wirkungsvoll und von Erfolg gekrönt sein möchte. Sondern auch die Betrachtung von Rollenklischees und Stereotypen. Denn es gibt längst die schönen, klugen, lustigen, (international) erfolgreichen Tussis, Barbies und Bimbos. Einige von ihnen in der Popkultur. Auch queerfeministisch und sexpositiv. Vor allem in der Musik. Demnach ist es wohl keine Provokation mehr, als Intellektuelle mit langen Acrylnägeln und in einem rosa Kleidchen oder im Trainingsanzug mit Strassverzierung aufzutreten. Oder doch?

Es geht, wie immer, um die Vergleichsgruppe. Um den Resonanzraum. Geht es um eine Angehörige eines als seriös und ehrbar verstandenen Berufsfeldes? Oder lediglich um Kreative, exaltierte Wohlhabende? Oder gar um eine, die dem Prekariat zugeordnet wird? Denn da sind sie doch vor allem zu finden, die Tussis: entweder ganz unten oder ganz oben. Stichwort: Klassismus. Denken wir an die künstlichen Fingernägel, an den glitzernden Schmuck, an den legeren Freizeitlook, an ein rosa lackiertes Auto: Bei wem gilt dieses Styling als hot und bei wem als billig? Bei wem ist etwas classy, bei wem ist es cheap?

Der Begriff billig ist dabei mehrdeutig zu verstehen. Meist geht es dabei nicht unbedingt um den Preis und die Materialzusammensetzung ausgewählter und getragener Kleidungsstücke (die Upperclass Barbie/die Unterschichtentussi), sondern um die Suggestion sexueller Verfügbarkeit. Billig, das ist eine Bezeichnung des Slutshamings. Das ist eine Herabsetzung, die nicht nur Autonomie abspricht, sondern auch ein Recht auf Schutz und Sicherheit. Billig-sein steht der sittsamen Bescheidenheit des tradierten Rollenverständnisses entgegen. Selbst wenn sie in diesem Sinne billig ist, gerne mit vielen Körpern intim wird, sich nicht fest binden will und Spaß an diesem Lebenskonzept hat – wen geht es etwas an? Noch wichtiger: Warum soll sie dann weniger begehrens- und schützenswert sein? Sexistische Abwertungs- und Bewertungsstrategien. Kontrollmechanismen. Internalisierte Misogynie. Alles, was dem Patriarchat dient.

Seit einem Jahr werde ich dazu befragt, warum ich mich als ernstzunehmende Schriftstellerin oder Künstlerin so gern als eben jene Tussi darstelle. Offenkundig gilt dies als Widerspruch. Warum ich diese Performance wähle, warum ich über Sex und Begehren schreibe, über Menstruation – typische Frauenthemen, nicht zwangsläufig literarisch. Ja, ich bin eine Tussi. Auch, weil ich es mir leisten kann. Letzteres ist nicht durch ökonomisches Kapital begründet, sondern durch soziales und kulturelles. Durch die Privilegien, die ich genieße – weiß, normschön, able-bodied, hetereo-passing.

Die Idee, ich hätte bereits bewiesen, dass mein funkelnder Schmuck, meine hohen Schuhe, die kurzen Röcke, das Make-up und die Haarfarbe weder meine Intelligenz und Eloquenz beeinträchtigen noch zum Ausdruck bringen. Sie bieten keine Rückschlussmöglichkeit. Kein Outfit bietet das. Mode ist eine aufregende Kombination aus Codes, Trends, Stilbewusstsein, Kommunikation und letztendlich ein ganz arg schönes Spiel. Vielleicht eine naive Herangehensweise, denn würde sie sonst überhaupt angesprochen, thematisiert werden? Oder doch aktive Provokation, um angesprochen und thematisiert zu werden?

Die Erinnerung daran, dass ich als Frau auf der Straße anders betrachtet werde.

Die Grenzüberschreitung. Ein weiblich gelesener Körper, eine Frau, die durch ihr äußeres Auftreten bereits Raum einnimmt. Die vielleicht sogar Begehren artikuliert. Ob sexuell oder materialistisch. Ob Status, Macht, Liebe, Besitz, Aufmerksamkeit, Geld oder irgendetwas anderes ist nebensächlich. Sie will etwas. Das ist überfordernd. Warum will die jetzt was?

Letztendlich hätte es in diesem Text um die Frage gehen sollen, ob politische Forderungen und Debatten im Mainstream verhandelt werden können oder ob sie nicht sogar genau dort behandelt werden müssen. Immer mit der Idee im Hinterkopf, dass wer die Gesellschaft verändern will, die Massenmedien für sich nutzen muss. Aber dann endet man immer bei der Frage nach der Einverleibung, dem Ausverkauf und dem damit einhergehenden Aushöhlen der Kernforderungen.

Letztlich geht es doch immer um die enge Beziehung zwischen Kapitalismus und Patriarchat. Um Slogans, die, selbst wenn sie feministisch und wahrhaftig sind, nichts anderes mehr sein können als Werbe- und Marketingkalkül. Aber auch darum, dass, wenn sie mir als solche angeboten werden, sie identitäts- und sinnstiftend wirken können. Veränderungspotenzial. Dass sie gleichsam Spaß machen und mir Mut geben können, mit einer anderen Attitüde durch die Stadt zu gehen. Anders auf mein Leben, auf Geschlechterzuschreibungen und Anforderungen zu blicken. Die Frage nach meiner Kaufkraft. Die Popstarikone, die (unfassbar) viel Geld verdient. Der Büchertisch zum „Trendthema Diversität“.

Das ist der siebte Versuch, diesen Text zu verfassen.

Gestern ging ich mit einer Freundin in einen Sexshop. Wir wollten dort Schuhe kaufen. Die Auswahl war in jeglicher Hinsicht  enttäuschend, der Laden miefig und keineswegs einladend, weder viel- noch spaßversprechend. Der Mann an der Kasse rauchte, war unaufmerksam, ungepflegt, ein Klischee. Resigniert verabschiedeten  wir uns vor dem Geschäft, um an unsere Schreibtische zurückzukehren.

Ich hatte Lust zu telefonieren und suchte nach dem Kontakt einer eng befreundeten Person, die aber leider nicht erreichbar war. Ebenfalls schreibend, vielleicht mit einer Antwort auf meine Textkrise. Auf mein Ohnmachtsgefühl aufgrund von Überarbeitung und Überforderung. Alles war enttäuschend. Nur ich nicht. Ich trug einen Minirock und eine Anzugweste, mein rosa Bauchnabelpiercing (zwei Herzchen) passte perfekt zu meinen rosa Sandaletten, meine Nägel hellblau glitzernd, meine Handtasche eng unterm Arm. So ging ich die Straßen entlang. Einmal Catcalling, leider normal. Wie armselig, dass es normal zu sein scheint. Gewöhnung durch Wiederholung. Keine Kraft für eine Antwort.

Dann wurde ich angesprochen.

„Hey“, sagte er. „Sag mal, kommst du aus Berlin?“

„Nein, wieso?“

„Dein Style ist so toll, ich habe dich schon von Weitem gesehen.“

„Danke, ich weiß.“

„Haha.“

„Ja, genau, haha.“

„Also, sag mal, wie lange bist du denn noch hier? Ich bin ein entspannter Typ, hättest du Lust, dass wir mal nen Kaffee trinken gehen?“

„Nee du, lass mal, wirklich kein Interesse.“

„Aber warum denn nicht?“

„Weil ich nicht will.“

„Ich versteh euch nicht, euch Frauen!“

„Wirkst gar nicht so entspannt, Schätzchen. Tschüss!“

„Ja, ciao!“

Die Erinnerung. Die Erinnerung daran, dass ich als Frau auf der Straße anders betrachtet werde. Nicht nur anders als männlich gelesene Körper, sondern je nachdem, was ich trage, wie meine Haare gemacht sind, meine Körperhaltung und meine Mimik ausfallen. Dass in meinen Raum eingedrungen werden kann. Dass meine bloße Anwesenheit als Einladung missverstanden werden kann. Als würde ich auf nichts anderes warten.

Vor Kurzem fragte mich jemand, worum es mir eigentlich geht. Ich antwortete: „Es geht um den Fun – und zwar immer.“ Eine beklemmende wie befreiende Erkenntnis. Weniger hedonistisch und egoistisch gemeint, als es den Anschein macht. Aber auch weniger dumm und verblendet. Vielmehr: Fun als Prinzip. Dass das Leben meistens gar nicht so spaßig, sondern erschreckend öde oder ergreifend schmerzhaft ist, ist nicht nur eine banale Binsenweisheit. Es ist womöglich der Grundsatz oder die Basis für den Spaß – und dessen Notwendigkeit. Seine belastende Abwesenheit ist schließlich umgehend spürbar. Es gibt häufig nichts zu lachen. Je marginalisierter die Person ist, desto weniger. Dabei sagen doch Männer so gerne: „Lächel doch mal!“ Wollen wir aber gar nicht. Jedenfalls nicht auf Kommando. Diesen Mann habe ich angelächelt. Aber nicht auf die Art, wie er es sich gewünscht hätte. Das hat ihn verärgert.

Diese Begegnung amüsierte mich, weil sie so klischeehaft vonstatten ging. Gibt es wirklich noch Pick-Up-Artists? Natürlich. Sie stehen auch immer noch in Buchhandlungen herum. Dabei wurden sie popkulturell bereits umfangreich enttarnt und bloßgestellt. Sie wurden überführt, ihnen wurde die Wirkmacht entzogen. Oder? Das Wissen, dass ich nicht höflich sein muss, dass ich seinem Bedürfnis nicht nachkommen muss. Dass seine Meinung über mich keine Rolle in meinem Leben spielt. Darüber zu schreiben, macht mir Spaß. Genauso, wie es mir Spaß macht, im Barbie-Film zu sitzen und beabsichtigt und intendiert über Männer und das Patriarchat zu lachen.

Gleichzeitig nervt es mich. Gestern war nicht mein Tag und dann kommt auch noch der daher. Es geht immer um Macht. Seine Demonstration derselben und meine vermeintliche Machtlosigkeit. Es geht um die Bloßstellung. Mein Lachen über seinen Flirtversuch. Seine Wut darüber. Hoffentlich, denkt man sich, wird er nicht gewalttätig. Ein reales Machtgefälle. Eine konkrete Situation der körperlichen Unterlegenheit.

Und dann? Nichts. Ich hörte meine All-Female-Empowerment-Playlist (es lief: Haiyti  „Leicht mit Dir”, Jennifer Lopez „On the Floor”, LAYLA „Fruchtsaft” und Kim Petras „Alone”), sprang in ein Taxi, um es noch pünktlich zu einer Lesung zu schaffen, um dabei einen Mann zu betrachten, der es mir ein bisschen angetan hatte. Die Dringlichkeit darin war schön. Die, von der so häufig gesungen, geschrieben und erzählt wird.

Vielleicht geht es am Ende darum. Eben dieses Gefühl, dass in exakt dieser Sekunde etwas größer ist als alles Alltägliche. Um Anziehungskraft und um die Schönheit der Liebe. Darum, unnötig Geld fürs Taxi rauszuschmeißen, um ansatzweise rechtzeitig anzukommen, obwohl man gar nicht weiß, warum. Um die (sexuelle) Selbstbestimmtheit und die Hingabe. Aber es hängt sowieso alles mit allem zusammen.

Das Schmachten. Das Wollen. Das Verzweifeln über diesen Text. Das Scheitern daran. Der letzte Blick in den Spiegel, noch im Taxi. Dann die Aufregung. Das Einander-Sehen, das Anfassen-Wollen. Im Kopf nur diesen einen Track: Cascada –  „’cause every time we touch I get this feeling, and every time we kiss I swear I could fly. Can't you feel my heart beat fast? I want this to last ! Need you by my side.“