Keine Lieder über die Liebe?

Über das größte aller Gefühle zu schreiben, ohne dass es cringe und normativ wird, fällt vielen Künstler:innen schwer. Schlimmer wäre aber, aus Angst vor Emotionalität und Klischees das revolutionäre Potenzial der Liebe liegenzulassen.

 

TEXT VON

Hengameh Yaghoobifarah

ILLUSTRATIONEN VON

Rania Esstafa

 

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Magazin 02/2024

ONLINE VERÖFFENTLICH

01 Juni 2025

In meinem ersten Roman schrieb ich über Liebe, nämlich die zwischen zwei Schwestern, nachdem eine von ihnen ums Leben gekommen ist. Mein zweiter Roman handelt von einem Poly-Drama zwischen vier Lesben, von denen drei dieselbe, die vierte Person daten. Es ist eine Geschichte über Begehren, Gefangenschaft und Lügen, aber keine über die Liebe, auch wenn drei Love-Storys drinstecken.

Texte über die romantische Liebe gehen manchen von uns schwer über die Hand. Dabei sind sie allgegenwärtig. Liebesromane verkaufen sich trotz des Einbruchs des Buchmarkts weiterhin sehr gut, und Love-Songs gibt es im Pop bis zum Erbrechen. Man könnte meinen, es gäbe kaum Lieder, die von einer anderen Liebe als der romantischen handeln. Natürlich existiert dabei eine ganze Range an unterschiedlichen Stimmungen, von idealisierend bis abgeklärt, von kitschig bis bodenständig.

Dass Liebesbeziehungen nicht immer wholesome sein müssen, sondern manchmal die düsteren Seiten bei Menschen hervorlocken, beschreibt Lady Gaga in „Bad Romance“ ziemlich gut, wo es gleich am Anfang heißt:

 

Die Sehnsucht des lyrischen Ichs gleicht fast schon einer Gier, einem Anspruchsdenken gegenüber allem, was der:die Lover mit sich bringt, gutem wie schlechtem. Erfrischend ist dabei das Selbstbewusst- sein, mit dem all diese Dinge eingefordert werden. Denn nach Liebe und Aufmerksamkeit wird sonst auch gerne mal gefleht wie im Popklassiker „Lovefool“ von The Cardigans:

 

So I cry and I pray and I beg
Love me love me
Say that you love me
Fool me fool me
Go on and fool me
Love me love me
Pretend that you love me Leave me leave me

Just say that you need me

 

Doch auch hier wird deutlich: Es herrscht keine Illusion, dass romantische Liebe auch ein Scam sein kann, destruktiv und delusional. Gängigere Narrative über die romantische Liebe, besonders in der Zweier- beziehung, verlieren dadurch aber nicht an Popularität, etwa das Konkur- renzverhalten zweier Frauen, die sich für den gleichen Mann interessie- ren. Enttäuschend war so gesehen Beyoncés Version von Dolly Partons „Jolene“, das auf ihrem lang erwarteten Country-Album erschien. Obwohl Beyoncé mit ihren letzten Alben ein feministisches Image etabliert hat, ist sie nicht dafür bekannt, utopische Vorstellungen romantischer Zweierbeziehungen zu zeichnen. Statt Bewunderung oder wenigstens Respekt für Jolene, die dem Partner des lyrischen Ichs schöne Augen macht, hat Beyoncé für diese andere Frau nur Verachtung und Drohungen übrig:

 

There’s a thousand girls in every room
That act as desperate as you do

You a bird, go on and sing your tune, Jolene
I had to have this talk with you ’Cause I hate to have to act a fool
Your peace depends on how you move, Jolene

 

Dass aus dem Song keine Polyamorie-Hymne entstanden ist: geschenkt. Aber die Verantwortung für (potenzielles) Fremdgehen allein bei der anderen Frau zu verorten und den Mann davon freizusprechen, birgt kein subversives Potenzial, sondern passt eher in das verstaubte Image von Country, das queere Künstler wie Lil Nas X mit Tracks wie „MONTERO (Call Me By Your Name)“ längst überwunden haben:

 

Romantic talking? You don’t
even have to try
You’re cute enough to fuck
with me tonight

 

Queeres Begehren, Sex ohne ernsthafte Intentionen, Rausch – das passt nicht unbedingt in die paarnormative Gesellschaft, in der wir leben. Die romantische Liebe wird viel höher bewertet als die platonische, sie ermöglicht durch Institutionen wie die Ehe exklusive Privilegien. Wenn sich zwei platonische Freund:innen gemeinsam auf eine Wohnung bewerben möchten, geben sie sich häufig als (am besten heterosexuelles) Paar aus, um ihre Chancen zu erhöhen, als Mieter:innen ausgewählt zu werden. Liebespaare, insbesondere heterosexuelle, gelten neben der heterosexuellen Kleinfamilie als die legitimste Form der Liebe. Sie stehen gleichzeitig für den Rückzug ins Private, weg vom Gemeinschaftlichen. Deshalb hat eine Jolene in Beyoncés Version auch kein Recht darauf, die Ehe samt Familienleben zu stören.

 

Für Liebeskummer wegen einer romantischen Beziehung gibt es viel mehr Verständnis als für Trauer nach dem Ende einer Freund:innenschaft oder dem Zerwürfnis einer Wohngemeinschaft oder eines Kollektivs. Passende Lyrics findet ersterer heartbreak auch viel leichter. Die Erzählung, etwas Vollständiges sei da zu Bruch gegangen, ist weit verbreitet. Oder wie Mariah Carey in „We Belong Together“ singt:

 

When you left I lost a part of me
It’s still so hard to believe
Come back baby please
’Cause we belong together

 

Die romantische Liebe wird dabei oft als etwas Übermächtiges verklärt, das den Verstand aussetzen lässt und Menschen – meist cis Männer – zu schlimmen Dinge verleitet, weil es angeblich nicht anders geht. So werden häusliche und sexualisierte Gewalt bis hin zu Femiziden verharmlost. Männer schlagen, stalken und morden aus Eifersucht, Kränkung oder Liebeskummer, heißt es dann. Richtig wäre: Männer kommen nicht darauf klar, dass Frauen nicht ihr Eigentum sind und dass sie sich die Freiheit nehmen zu tun, was sie wollen – sei es ein freizügiges Outfit zu tragen, einen aus Männern bestehenden Freundeskreis zu pflegen oder eine Trennung durchzuziehen. Das Romantisieren ungesunder symbiotischer Beziehungsmuster wie Abhängigkeiten ist dabei fast Standard. Die Liebesbeziehung als Sinn des Lebens, das Finden des fehlenden Puzzleteils, der besseren Hälfte – gängige Liebeslieder befeuern solche Narrative oft.

 

Feministische, linke und queere Bewegungen, die Liebe anders beleuchten, gibt es seit Jahrzehnten. Ob bell hooks, Janelle Monáe oder Planningtorock: Progressive Texte findet man sowohl in der Literatur als auch in der Musik. Janelle Monáes Poly-Hymne „Only Have Eyes 42“ etwa handelt eben nicht nur von der einen Person, sondern betont: I only have eyes for two.

 

Dennoch gerät das revolutionäre Potenzial der Liebe gerade dort gerne in Vergessenheit, wo die Sehnsucht nach Revolutionen besonders stark ist. Ich kenne es von mir selbst: Einerseits herrscht die Angst, beim Schreiben über die romantische Liebe in klischeehafte Bilder, schablonenhafte Erzählungen und regressive Sehnsüchte zu verfallen. Viele existierende Texte darüber sind so kitschig, dass ich reflexhaft in Abwehrhaltung gehe und gar nicht erst relaten möchte. Andererseits macht man sich verdammt verletzlich dabei, in diese Gefühlswelten einzutauchen und daraus für die eigene kreative Arbeit zu schöpfen. Klar: Lyrisches Ich und schreibendes Ich sind nicht identisch, doch gerade bei rassifizierten, queeren oder weiblichen Autor:innen neigen Rezipient:innen dazu, alles als Autofiktion zu deuten.

 

Neben der Cringe-Panik und der Angst vor Normativität beeinflusst und erschwert noch etwas Drittes das Schreiben über die Liebe: Es ist unglaublich schwer, in einer Gesellschaft, die einem mit Härte, Gewalt und Grobheit begegnet, soft zu bleiben. Meine Fühler sind meistens überhaupt nicht in Richtung Zärtlichkeit ausgestreckt, sondern in Schutzhandschuhen verpackt und ready to fight back. Wieso den Schutzschild runternehmen, wenn an der nächsten Ecke ein Schlägertrupp mit Quarzsandhandschuhen lauern könnte?

 

Die romantische Liebe wird dabei oft als etwas Übermächtiges verklärt, das den Verstand aussetzen lässt und Menschen – meist cis Männer – zu schlimmen Dinge verleitet, weil es angeblich nicht anders geht. So werden häusliche und sexualisierte Gewalt bis hin zu Femiziden verharmlost.

 

Das Bedürfnis nach Selbstschutz ist einleuchtend. Doch wir verwehren uns damit auch Schönes. Den Thrill, wenn man es geschafft hat, über den eigenen Schatten zu springen. Den Muskelkater nach einem ungewohnten Workout. Es ist nice, sich was zu trauen. Und Heilung ohne Wachstumsschmerzen gibt es selten. Das Leben ist düster genug, wer braucht noch Scham über die eigenen Gefühle? Warum soll ich mich gegen Schönheit wehren? Und warum sollen ausgerechnet jene, die die Fallstricke der romantischen Liebe in unserer Gesellschaft reflektieren, auf sie verzichten? Warum predigen wir, dass Gefühle zu zeigen keine Schwäche, sondern eine Stärke ist, und tun uns doch so schwer in der Praxis?

 

Keine Playing-Hard-to-Get-Spielchen, sondern klare Kommunikation und das Eingestehen von Gefühlen fordert Kelela in „On The Run“:

 

You get around enough, too busy actin’ tough
I’ma lay you down, come get me right now
(come get me now)

I shouldn’t have to try, not gonna read your mind (read your mind)
Give me a softer side, I won’t wait all night
(softer, softer)

If you come my way, I’ma want that fire
(I won’t wait all night)

 

Kelela erinnert daran, dass auf der anderen Seite unserer Ängste ein anderer Mensch steht, der sich verletzlich macht und sich vor den eigenen Bedürfnissen nicht versteckt. Dass es nicht darum gehen muss, romantische über platonische Liebe zu priorisieren, sondern respektvoll, wertschätzend und klar zu bleiben. Nur, weil man gesellschaftlichen Normen trotzen will, muss man nicht zum Arschloch werden. Und man ist auch nicht dazu verdammt, nach einem Eingeständnis nur noch Liebeslieder oder -geschichten zu schreiben.