Rewind, Repeat, Reveal

"Die Avantgarde des Pop besinnt sich modisch auf die Techno-Clubwear der 1990er Jahre. Scheint, als würde sich eine Generation fleißig durch alte Pinterest-Moodboards arbeiten. Oder steckt mehr dahinter?"

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Instagram Standbild aus SoMe Reel von Nina Chuba
Ikkimel: Foto von Jonas Unden

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Magazin 02 / 2024

online veröffentlicht

01 Juni 2025

Domiziana posiert im Video zu ihrem Track „Hello Kitty / Elfbar“ in Minirock und abgeschnittenem Denim-Top mit haufenweise angenähten Hello-Kitty-Plüschtieren. Dazu kombiniert sie Plateau-Buffalos, Fellstulpen und pinke Augenbrauen, die Marusha sich nicht schöner hätte aufmalen können. Zu den Markenzeichen des gerne mal als „Schlager-Rapper“ betitelten Berliners Ski Aggu zählen nicht nur seine Skibrille und der blond- gefärbte Vokuhila, sondern auch seine ausgestellten Rave-Pants. Die mit Aggu eng verbundene Rapperin Ikkimel posiert auf Instagram mal im Cut-Out-Einteiler mit neongelbem „Sex“-Print, Microbrauen und pinkem Eyeliner, mal im Glitzer-Bikini, getragen unter einem leuchtenden Netz- kleid und mit Lederchoker. Auch für Teenie- Idol Nina Chuba zählen Double Buns mit herausgetrennten Frontsträhnen, Crop Tops mit Tribal-Prints und schnelle Brillen zum typischen Bühnenstyling. Die Liste ließe sich beliebig fortführen.

Fest steht: Der modische Konsens aktueller Popstars wirkt wie
ein Revival der Loveparade 1998.

Warum bedienen sich junge Musikkünstler:innen so großzügig an Stilelementen der 1990er-Jahre-Ravekultur? Steht diese optische Rückbesinnung auch für inhaltliche Sehnsucht nach einer Zeit, in der das Internet noch in seinen Kinderschuhen steckte, Telefonanrufe nicht zurSchock-Anxiety führten, sondern gängigstes Kommunikationsmittel waren, und in der alles analoger, einfacher und unmittelbarer erschien? Das gleichzeitige Abfeiern der Szene von Technik-Relikten wie Nokia-Klapphandys, Analogfotografie, pixeligen Grafikdesigns und Lofi-Partyflyern, die aussehen, als hätte man sie mit Windows 95 gestaltet, würde dafürsprechen.

 

Andererseits: Ein Großteil dieser Musiker:innen hat die 1990er Jahre, wenn überhaupt, nur als Baby miterlebt. Die wenigsten dürften jemals eine Berliner Loveparade besucht, sich auf Myspace vernetzt oder mit Geschwistern über die Nutzung des Internetmodems gestritten haben. Nostalgie basierend auf echten Erinnerungen ist also eigentlich ausgeschlossen und Technik-Pessimismus dürfte dieser Generation an Popstars, die einen Großteil ihres Aufstiegs und ihrer Reichweite dem Internet zu verdanken haben, eher fern liegen. Möglicherweise handelt es sich beim 1990er-Clubwear-Zitat also einfach um den nächsten freien Slot historisch zitierbarer Stil-Phasen. Schließlich wurde fast jedes Jahrzehnt modisch nach ausreichender Zeitspanne wiederbelebt: der Twiggy-Style und die Minikleider der 1960er Jahre, hippieske Blumenkleider, Cowboystiefel und Schlaghosen der 1970er, Aerobic-Looks, Röhrenhosen und High-Top-Sneakers aus den 1980ern, der Logomanie-und-Baggy-Trend der 1990er Jahre. Eigentlich sind wir aktuell am Ende der 2YK-Phase angekommen – und mit deren Schlüsselelementen durchmischen die Anhänger:innen der aktuellen Retro- Rave-Looks ihre Outfits durchaus gekonnt. Sichtbare Stringtangas, Ed-Hardy-Shirts und Miss-Sixty-Labels sind da ebenso oft vertreten wie Stachelfrisuren und Plateau- stiefel. Das Rad dreht sich ständig weiter. Die modisch ganz Informierten sind derweil in den 2010er Jahren angekommen. Der Code: Sneaker-Wedges, Hüftgürtel und Bikkembergs Sneaker.

 

Dank des Internets ist modegeschichtliches Wissen längst nicht mehr einigen wenigen vorbehalten. Jede:r kann heute bis ins letzte Detail recherchieren, welche Brands in den späten 1990er Jahren den Ton angaben, welche Kollektionen und Designer:innen den größten Einfluss auf die Clubwear hatten (und vice versa) und wie etwa die Seiten des legendären deutschen Techno-Magazins Frontpage gestaltet waren. Während damals die coolsten Club-Looks keineswegs von der Stange zu kaufen waren, sondern meist im DIY-Verfahren kreativ zusammen- geschustert wurden, ist heute neben dem Recherchieren auch das Kopieren dieser Outfits viel einfacher. Nicht nur, weil selbst Fast-Fashion-Anbieter wie ASOS und Co. Netztops, Smiley-Shirts oder Nieten-Choker längst in ihre Sortimente aufgenommen haben, sondern weil sich über Plattformen wie Vestiaire Collective, Vinted und Kleinanzeigen auch Stücke aus der Zeit second hand nachkaufen lassen.

 

Dazu kommt: Während damals die wenigsten Pop- oder Filmstars mit professionellen Stylist:innen arbeiteten (Pamela Anderson betonte erst kürzlich, wie sie sich selbst ihre Outfits heraussuchte und ihr Lebensgefährte Tommy Lee sie geschminkt habe: „Kein Stylist hätte mich in so etwas vor die Tür gelassen!“), ist das heute ab einer gewissen Bekanntheit gang und gäbe. Künstler:innen müssen also nicht einmal unbedingt selbst ihre Moderecherche-Hausaufgaben machen, das können Profis für sie übernehmen.

 

Doch die Begeisterung für frühere Rave-Kulturen geht über das Optische hinaus. Man begegnet ihr auch inhaltlich oder vielmehr musikalisch. Wer in den vergangenen Jahren etwa die Autoscooter-Stage auf dem MELT Festival besuchte, traf auf eine Masse vorwiegend junger Feiernder, die zu den Trance-Dance-Sounds von
DJ Heartstring und Co. tanzte – schnell, hochgepitchte Vocals, die Meute aufgedreht. TikTok Raver nennt man nicht von ungefähr diese Sorte Clubgänger:innen, denen musikalisch und modisch ein bestimmter Stil anhaftet. Wer sich anhört, wie die beliebtesten DJs der „Autoscooter“-Szene auflegen oder was sie spielen
– etwa Ski Aggus „Balla Balla“, produziert von Marlon Hoffstadt –, fühlt sich nicht selten an den Happy Hardcore oder Eurodance der 1990er Jahre erinnert. Dass Domiziana im vergangenen Jahr einen Track mit Jasmin Wagner aka Blümchen, der deutschen Ikone dieses Genres aufnahm, passt da perfekt ins Bild.

Zu der derzeit beliebten höheren Geschwindigkeit elektronischer Musik, die einige auch als Auswirkung der Coronajahre werten, in denen sich vor allem bei jungen Raver:innen viel Energie aufgestaut hat, gibt es ganze Erhebungen. Vor einer Weile verglich ein Datenteam des Rundfunks Berlin-Brandenburg die 20 beliebtesten Dance-Tracks von Leser:innen des Groove Magazins in den Jahren 2016 und 2022. Das Ergebnis: Nicht nur die Anzahl der Beats per Minute (BPM), also der Taktschläge pro Minute, hat sich über die Jahre erhöht, die beliebtesten Tracks sind heute auch stärker von Vocals geprägt.

All das ist wohl auch eine Auswirkung der Nutzung von TikTok, wo sich Trends wie „Sped up“, also das beschleunigte Abspielen von Musik, verbreiten, wodurch die Aufmerksamkeits- spanne kürzer wird. Songs müssen also
in möglichst kurzer Zeit ordentlich knallen. Ambient oder House werden dadurch weniger gespielt. Besonders schnelle elektronische Musikstile wie Gabber und Hardcore Techno, die ebenfalls in den 1990er Jahren entstanden sind, erfreuen sich neuer Beliebtheit. Brutalismus 3000, eins der derzeit erfolgreichsten DJ- und Produzent:innen- duos aus Berlin und selbst gern mal in Neon-Trainingsanzügen und mit futuristischen Brillen unterwegs, begeistern mit ihrem Sound, den sie selbst „Nu Gabber“ nennen, eine junge und sehr internationale Fanbase, in diesem Jahr etwa bei Coachella. Im Schnitt seien ihre Fans 18 oder 19 Jahre alt, schätzt das Duo selbst.

Im Ursprung der Technokultur ging es um die Möglichkeit, über Musik miteinander frei zu sein. Es ging darum, Hemmungen fallen zu lassen, gegen Normen zu rebellieren, Haut zu zeigen, freie Liebe zu feiern, es ging um Grenzerfahrungen, gegenseitige Akzeptanz und Respekt und es ging um den hoffnungsvollen Aufbruch in eine neue, bessere Zukunft. Der Futurismus offenbarte sich damals auch in der Ästhetik: Experimentierfreude, Innovation und die Verwendung neuer Materialien und Technologien stand im Vordergrund, oftmals waren Aliens, das Weltall und viel Silber Teil der Visuals. Seit seinen Anfängen ist das Musikgenre nicht nur wesentlich kommerzieller geworden, auch der Zukunftsoptimismus scheint uns abhanden gekommen zu sein.

Der britische (Pop-)Kulturbeobachter und Theoretiker Mark Fisher schrieb 2009 in seinem Essay „Kapitalistischer Realismus ohne Alternative?“, es sei mittlerweile fast unmöglich geworden, sich eine wirkliche Alternative
zum Kapitalismus überhaupt vorzustellen. Er schilderte eine Welt, in der wir, von neoliberalen Zwängen gehetzt, immer weiter rennen, obwohl wir ahnen, dass dieser Weg in den Abgrund führt. Selbst musikalische Subkulturen, traditionelle Orte und Geburtsstätten von Systemkritik, könnten sich der kapitalistischen Einverleibung
nicht mehr entziehen. In seinem 2014 veröffentlichten Buch „Ghosts of My Life“ (dt. „Gespenster meines Lebens“) führte Mark Fisher aus, die Welt würde gerade die deprimierendste Zeit der Musikkultur seit den 1950er Jahren erleben, eigentlich gäbe es seit 2003 keine neuen Musikrichtungen mehr – eben weil die Fähigkeit, sich eine alternative Zukunft vorzustellen, aus der Musik verschwunden sei. Die ständige Aufmerksamkeitsablenkung durch Technik und das Verkümmern von Sozialsystemen führe dazu, dass nicht mehr wirklich Raum für Kreativität bleibe; was an Musik hervorgebracht werde, sei dementsprechend immer retrobezogen.

In den zurückliegenden zehn Jahren ist es noch schwieriger geworden, sich eine rosige Zukunft vorzustellen. Immer eklatantere Auswirkungen des Klimawandels, eine Pandemie, Inflation, das Aufkommen des „postfaktischen“ Zeitalters, die Bedrohung durch Cyber- Angriffe, Krieg in der Ukraine, der scheinbar unendliche Nahostkonflikt, das Elend in Gaza, Rechtsruck in Europa. Der Wunsch, in die Vergangenheit zu fliehen, ist mehr als verständlich. Feiern wie zu Beginn der Technokultur – sowohl was den Musikstil als auch das Gemeinschaftsgefühl und eben auch den Look angeht –, scheint eine gute Möglichkeit zu sein, den Kopf zwischendurch mal auszuschalten.

Let’s go hand in hand / Into lovely land / Side by side / To a world that shines so bright, sangen Dune 1996 in ihrem Happy- Hardcore-Hit „Hand In Hand“. Vielleicht ist das Bestreben, optisch zu wirken, als sei man in eben diesem Jahr aus einem Club gestolpert, das Ergebnis guter Recherche – vielleicht jedoch auch Signal eines dringend benötigten Eskapismus.