The New Heavy

 

 

Text von

Christina Wenig

Illustrationen von

Meelayya

Ich war zwölf, als ich durch Linkin Park erstmals harte Musik entdeckte. Keine zwei Jahre später watete ich bereits durch die düstere Geschichte der norwegischen Black-Metal-Szene. Ich wusste sofort: Dieses Universum des Krachs ist genau der richtige Ort und das richtige Ventil für meinen pubertären Weltschmerz. Die Pubertät kam und ging, die heavy Musik blieb, denn schnell war mir klar: Metal und Hardcore bieten nicht nur Platz für meine individuelle, sondern auch für unsere kollektive Wut und Frustration. Unser Verhältnis ist nicht immer einfach, denn nicht zu unrecht sind diese Genres auch für toxische Maskulinität und Konservativität bekannt – Innovation und Wandel haben da oft wenig Platz. Doch Metal und Hardcore klingen nicht nur nach Umbruch und Rebellion. Sie haben das Potenzial, Räume für Außenseiter:innen und marginalisierte Gruppen zu schaffen, um neue Ideen zu verhandeln und Communitys zu kreieren. Ein Blick auf die progressiven, vielfältigen und grenzüberschreitenden Randgebiete im Reich der harten Riffs, Blastbeats und Breakdowns.

 

 

 

Artist Candy
Track „Love Like Snow“
Album It’s Inside You
Label Relapse

Geht es um musikalische Grenzüberschreitungen, müssen Candy ganz vorne mit dabei sein. Metallic-Hardcore-Revival-Acts wie Code Orange haben bereits vor einigen Jahren Industrial für sich entdeckt, Candy treiben das Zusammenspiel mit elektronischen Elementen jedoch auf ganz neue Höhen – der Digital Hardcore von Atari Teenage Riot lässt grüßen. Auf ihrem dritten Album geben sich die Bostoner deutlich versöhnlicher und zugänglicher als zwei Jahre zuvor, von leichter Kost kann dennoch nicht die Rede sein. In einem Universum aus Chaos, Dissonanz und Reibung treffen heavy Breakdowns auf Noise und Techno.
Soll man zu einem Song wie „Love Like Snow“ jetzt in den Moshpit oder auf den Dancefloor? Oder muss man sich vielleicht gar nicht entscheiden?

 

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Artist Lord Spikeheart
Track „TYVM“
Album The Adept
Label Hækalú

Mehr Crossover gefällig? Für Lord Spikeheart begann alles mit Duma: Das kenianisch-ugandische Experimental-Metal-Duo wurde Anfang der 2020er schnell zum Feuilleton-Liebling und begeisterte unter anderem beim Roskilde Festival. Seit dem Aus der Band macht Sänger Martin Kanja solo weiter und hat dabei nichts an Intensität und Energie eingebüßt. Von Grindcore über Industrial bis Hip-Hop jagt er alles wild gemischt durch die Boxen, Hauptsache extrem. Mit seinem Label Hækalú und dem Debütalbum The Adept macht er sich für die ostafrikanische Metalszene stark und bricht mit dem Weißen, eurozentrischen Standard des Genres. Sein Song „TYVM“, ein elektronischer Fiebertraum mit hämmerndem Beat, beweist nicht nur, dass Heaviness ohne E-Gitarren auskommt, sondern ist auch eine kraftvolle Hommage an Kanjas Großmutter, die kenianische Freiheitskämpferin Muthoni wa Kirima.

 

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Artist Zulu
Track „Fakin’ Tha Funk (You Get Did)“
Album A New Tomorrow
Label Flatspot

Apropos „eurozentrisch“: Neben Acts wie Soul Glo und Bob Vylan verbreiten auch Zulu Black Pride im Hardcore, ohne sich an etablierte Standards anzubiedern. Soul-, Funk-, Reggae-, HipHop- oder Jazz-Samples und -Interludes auf einem Powerviolence-Album? Why the fuck not? „Fakin’ Tha Funk (You Get Did)“ – eine kleine Verneigung vor dem 1992er Hit „Fakin’ The Funk“ der Hip-Hop-Crew Main Source – macht keine Gefangenen und knüppelt sich mit weniger als anderthalb Minuten Spielzeit auf die internationale Bildfläche. Mehr braucht die Band aus L. A. aber auch nicht, um die Szene nachhaltig auf links zu drehen.

 

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Artist BRAT
Track "Hestitation Wound"
Album Social Grace
Label Prosthetic

Das Präludium zum Brat Girl Summer: Lange vor Charli xcx haben es sich BRAT zur Aufgabe gemacht, girly Looks und Female Empowerment in der an Mackertum kaum zu überbietenden Deathgrind-Szene zu propagieren. Der von ihnen selbst als „Barbiegrind BimboViolence“ bezeichnete Stil kontrastiert ein von Referenzen wie Paris Hilton und Britney Spears geprägtes, knallpinkes Image mit maximal brutalem Sound, der alles andere als cute ist. Als im Frühjahr 2024 endlich das Debütalbum des Quartetts aus New Orleans inklusive der alles vernichtenden Leadsingle „Hesitation Wound“ erschien, war die „bimbofication“ der heavy Szene bereits dank weiterer Künstlerinnen wie Scene Queen in vollem Gange. Als Bikini Kill vor über 30 Jahren „Girls to the front“ forderten, hätten sie sich diese Bewegung wohl kaum erträumt.

 

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Artist SPEED
Track "THE FIRST TEST"
Album ONLY ONE MODE
Label Flatspot

Manch einer kennt SPEED vielleicht als die Querflöte™. Ihre Single „THE FIRST TEST“ wegen des im Hardcore ungewöhnlichen Instrumental-Parts auf TikTok viral. Nicht nur deswegen sind SPEED eine der Bands der Stunde: Von den Australiern gehen gute Vibes aus und sie verbinden etablierte Genre-Werte wie Gemeinschaft und Integrität mit Solidarität gegenüber marginalisierten Gesellschaftsgruppen, allen voran der asiatischen Community. Bei dem Spaß und der ENERGIE, die in „THE FIRST TEST“ und den weiteren Songs des Debütalbums ONLY ONE MODE stecken, kann man gar nicht anders, als den Pit öffnen zu wollen.

 

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Artist Death Goals
Track "Knife Bouquet"
Album -
Label Prosthetic

Während SPEED PMA im Hardcore verbreiten, verstreuen Death Goals ordentlich Glitzer. Mit ihrem Queercore schaffen sie in der Szene Platz für queere Identitäten und Lebensrealitäten. Songs wie ihre Single „Knife Bouquet“ kommen mal chaotisch und kurz vorm Zusammenbruch begriffen wie Mathcore oder Screamo daher und bieten mit akzentuierenden Clean Vocals die Gelegenheit zu hymnischer Katharsis. Besonders wichtig ist dem Duo aus dem UK die allumfassende Repräsentation ihrer Lebensrealität – von Mental-Health-Issues und Diskriminierung bis hin zu queerer Gemeinschaft, Freude und Pride.

 

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Artist Backxwash
Track "WAKE UP"
Album -
Label Ugly Hag

Your favorite metal band’s favorite rapper? Ziemlich sicher Backxwash. Seit fünf Jahren verarbeitet die sambisch-kanadische Künstlerin, die bürgerlich Ashanti Mutinta heißt, in ihren düsteraggressiven Songs ihre Struggles mit Glaube und Geschlechtsidentität. Mutintas Musik – beeinflusst unter anderem von Trap, Horrorcore, Post-Metal, Industrial und Kirchenmusik – bricht über einen herein wie der Zorn Gottes. Nur, dass Gott in diesem Fall eine transfeminine Schwarze Hexe ist. Ihre Single „WAKE UP“ ist ein zermürbendes Epos über den Kampf mit suizidalen Gedanken, das verdeutlicht: Heaviness ist nicht nur eine klangliche, sondern auch emotionale Qualität. Die letzten Worte daraus hallen noch lange nach: Through the blackened skies, I will not go gentle.

 

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Artist Body Void
Track "Human Greenhouse"
Album Atrocity Machine
Label Prosthetic

Wie fies kann man klingen? Auf Atrocity Machine channeln Body Void den Frust und Hass auf unsere Welt und auf die Systeme, die sie regieren, in den feindseligsten, gewaltsamsten Sound, den man sich vorstellen kann. Das Persönliche und das Politische sind auf diesem dystopischen Album eng miteinander verschlungen: White Supremacy und Angststörungen, Cis-Heteronormativität und Gender-Dysphorie, kapitalistische Leistungsgesellschaft und Depressionen. Der Track „Human Greenhouse“ präsentiert den Menschen als Ware und braust mit seiner Mischung aus Sludge und Power Electronics durch die Gehörgänge wie ein aufgebrachter Schwarm Hornissen. Das ist nicht Brutalität um der Brutalität willen, das ist Lebensbewältigung – und trifft dadurch umso härter.

 

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Artist Chat Pile
Track "I am Dog now"
Album "Cool World"
Label The Flenser

Weiter nach unten in der Abwärtsspirale des modernen Lebens: Chat Pile vertonen (nicht nur) auf „I Am Dog Now“ den amerikanischen Albtraum. Ein Song, der einem schlechten Trip gleicht – gewaltsam, grotesk, dissonant. Als Vorboote ihres zweiten Albums Cool World manifestiert der Track die Ausnahmestellung der Südstaatler und ihres sludgy Noise Rocks in einer an unbequemen Bands nicht armen Szene. Von manischem Geschrei bis hin zu flirrenden, hypnotischen Riffs ruft das alles eine viszerale Reaktion hervor, die vielleicht nicht angenehm ist, aber doch immer wieder Lust auf mehr macht.

 

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Artist Ashenspire
Track "The Law Of Asbestos"
Album Hostile Architecture
Label Aural Music

Wer mit Black Metal primär Satanismus und grottige Produktion in Verbindung bringt, liegt heute zumindest teilweise falsch. Bands wie Ashenspire beweisen mit ihrem avantgardistischen, politisch verwurzelten Ansatz, dass das Genre sehr viel mehr Potenzial hat. Schon Imperial Triumphant haben das Zusammenspiel von Extremem Metal und Jazz perfektioniert – Ashenspire befeuern dieses Amalgam jedoch von Pomp und reiner Artistik, um den Soundtrack für den langsamen aber sicheren Zusammenbruch unserer Gesellschaft zu kreieren. „The Law Of Abestos“ illustriert mit kakofonen Saxofon- und Streicherparts sowie ungeraden Taktraten die brutale, feindselige Natur des Kapitalismus, während sich Sätze wie „Always three months to the gutter, never three months to the top“ ins Bewusstsein hämmern.

 

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Artist Agriculture
Track "Living Is Easy"
Album Living Is Easy EP
Label The Flenser

Bei einem Begriff wie „Ecstatic Black Metal“ verziehen Old-School-Fans die Gesichter, aber sei’s drum: Die Zukunft des Black Metal gehört ziemlich sicher nicht Bands, die beständig die 1990er Jahre kopieren, sondern denen, die das Genre weiterentwickeln. Bereits in den 2010er Jahren erregten Blackgaze-Bands wie Deafheaven und Avantgarde-Acts wie Liturgy Aufsehen mit ihrer neuen Auslegung des Genres. Agriculture können sich schon jetzt unter diesen prägenden Bands einreihen. Die Gruppe erkennt das Potenzial von Extreme Metal, nicht nur die stärksten negativen Emotionen, sondern auch Ekstase, Euphorie und Liebe in ihrer ganzen Wucht auszudrücken. Der Titeltrack ihrer EP „Living Is Easy“ ist eine elektrisierende Hymne auf das Leben und die Natur, und in Sachen Grandeur kaum zu überbieten. Das ist alles andere als „trve“ – und gut so.

 

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Artist HEALTH
Track "SICKO"
Album Rat Wars
Label Loma Vista

Mit ihrer fast 20-jährigen Bandkarriere sind HEALTH zwar die alten Hasen dieser Playlist, dennoch hebt kaum eine andere Band die Grenzen harter Musik bis heute so effektiv und innovativ aus wie das Trio aus L. A. Ihre mittlerweile unzähligen Kollaborationen mit Künstler:innen – darunter Heavy-Pop-Phänomen Poppy, die Trap-Metal-Ikonen Ghostemane und Lamb Of God oder die Darkwave-Künstler:innen Perturbator und SIERRA – zeigen: Heavy ist, was du draus machst. Eingehüllt in dreamy Synth-Motive und harte Riffs schafft die Industrial-Rock-Band den catchy Soundtrack für Cyberpunk-Fantasien. Ihr Song „SICKO“ mit seinem Sample des Godflesh-Klassikers „Like Rats“ aus dem Jahr 1989 schlägt die Brücke zwischen verschiedenen Generationen und Klangwelten, die einfach zusammengehören.

 

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Artist Zetra
Track "Starfall"
Album Zetra
Label Nulear Blast

Die Synths bleiben eingestöpselt: Zetra sehen aus, als wären sie während „The Crow“ oder „Hellraiser“ einem alten Röhrenmonitor entsprungen – und klingen auch so. Das mysteriöse UK-Duo, auch als „The Wanderers“ bekannt, pickt sich für sein lange erwartetes Debütalbum aus 40 Jahren Musikgeschichte einige schwarze Juwelen zusammen: Synthpop, Shoegaze, Gothic-Metal und Blackgaze verschmelzen zu einem melancholischen, düster-romantischen Sound, der eine Endzeitstimmung heraufbeschwört und uns gleichzeitig rettend in den Äther emporhebt. Die Single „Starfall“ mit Serena Cherry von der Post-Hardcore-Hoffnung Svalbard trifft dabei exakt den Sweet Spot zwischen hart und zart.

 

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Artist Divide and Dissolve
Track "Blood Quantum"
Album Systemic
Label Invada

Divide and Dissolve folgen dem Beispiel von Bands wie Sunn O))), die Katharsis durch Lautstärke, Heaviness, massive Drones und monolithische Riffs suchen, setzen diesen Prozess aber in einen politischen und gesellschaftlichen Rahmen. Das Instrumental-Doom-Projekt von Takiaya Reed macht seine ganz eigene Form von meditativem Protestmusik genus Kolonialismus und Kapitalismus. Die afroamerikanischen und indigenen Wurzeln der Bandgründerin sind der Ankerpunkt für ihr Schaffen, und Songs wie „Blood Quantum“ des aktuellen Albums Systemic klingen nach Aufbegehren und Umbruch. Takiaya Reeds Saxofon-Motive schneiden sich durch die Wall of Sound wie Hoffnungsfunken durch ein Dickicht aus Gegenwehr. Dabei setzt die Band eine positive Energie frei, die direkt aus dem Inneren der Erde zu kommen scheint.

 

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Artist Brutus
Track "Brave"
Album Unison Life
Label Hassle

Natürlich gibt es sie auch heute noch – junge heavy Bands, die das Potenzial haben, in Zukunft ganze Stadien zu füllen. Auftritt Brutus. Die Foo Fighters haben das Trio in ihr Vorprogramm eingeladen, Deftones auch, kein Wunder, klingt die Band doch einfach groß. Stilistisch entziehen sich die Belgier:innen gekonnt jeder Kategorisierung: zu heavy für Post-Hardcore, zu heavy für Progressives und Post-Rock, zu melodisch für Mathrock und Post-Metal. „Brave“ verdeutlicht exemplarisch die Dynamik und Energie, die jeden der reverb-getränkten Songs zu einem Mini-Material machen. Wer auferlegt gleichzeitig so Schlagzeuge spielen und singen kann wie Stefanie Mannaerts, verdient alle Anerkennung der Welt.

 

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