Gedanken und Gefühl in Text verwandeln – darum geht es im Songwriting. Aber wie sehr verändert sich der Prozess der Text- und Musikdichtung mit den Veränderungen in der Branche? Karo Schrader und Ali Zuckowski beobachten die Entwicklung seit langem. Als erfahrene und etablierte Songschreiber:innen wissen sie, was auf dem deutschen Markt gerade gut funktioniert, warum sich Genre-Grenzen immer mehr auflflösen und was Streaming damit zu tun hat.
Worte über Musik
Roundtable mit Karo Schrader und Ali Zuckowski, durch das Gespräch führte Marija Latkovic


MARIJA
"Ihr schreibt beide erfolgreich Songs, die von Schlager über Pop bis Hip-Hop reichen. Wo ordnet ihr euch selbst Genre-mäßig ein?"
KARO
"Ich bin da für alles offen und limitiere mich nicht. Es gibt Genres, in denen ich gezielter arbeiten kann, weil ich da mehr Know-how habe, eben bei Pop und Hip-Hop, teilweise Hyper-Pop aber eben auch Schlager. Das reicht bei mir von Clueso und Wincent Weiss über Finch und Nina Chuba zu Loredana, Katja Krasavice und Esther Graf, also meistens auf Deutsch. Die Bandbreite kommt auch daher, dass Genres inzwischen immer mehr verschwimmen. Teilweise kann man ja gar nicht mehr sagen, was Pop ist und was Hip-Hop."
ALI
"Die Bandbreite macht unseren Job unter anderem spannend. Ein selbst performender Künstler hat seinen Stil, und den komplett zu verändern, ist ein ziemlicher Aufwand. Im Songwriting können wir verschiedene Stilistiken wählen, dadurch entsteht immer wieder neue Inspiration. Bei mir ist die Basis auf jeden Fall Pop. Max Giesinger, Álvaro Soler, Michael Patrick Kelly,
Sarah Connor, Udo Lindenberg sind die Namen, die das so abbilden. Aber auch Künstler:in- nen aus dem Schlager wie Helene Fischer oder Matthias Reim oder Artists mit urbanerem Sound wie Clueso, Lea featuring Capital Bra oder Elif."
MARIJA
"Also offen in viele Richtungen. Ist der Markt aktuell auch so aufgeschlossen? Was ist dort gerade gefragt?"
ALI
"Die Frage ist im Moment spannender denn je, weil der Markt sich stark aufteilt. Früher verkaufte sich das, was oft im Radio lief, auch erfolgreich auf CD oder als Download, und diese Künstler:innen 111 waren dann auch live sehr erfolgreich. Durch Streaming und Social Media hat sich das verändert. Im Radio sind ganz andere Songs erfolgreich als zum Beispiel im Streaming. Deutsch-sprachige Musik läuft im Radio aktuell fast gar nicht. Auf Spotify wiederum ist ein Großteil der Charts deutschsprachiger Hip-Hop, aber es ist fast kein deutschsprachiger Pop dabei. Und dann gibt es Acts, die weder auf Spotify noch im Radio richtig erfolgreich sind, dafür aber im Live-Bereich, wie zum Beispiel im Schlager oder Metal. Es ist eine wilde Zeit.
Wobei Erfolg ja auch immer Definitions- sache ist. Es gibt Künstler:innen, die innerhalb der Branche gehypt werden und erfolgreich sind. Acts wie Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys dagegen kennt so gut wie niemand, aber sie spielen die ganz großen Festivals. Was erfolgreich ist, ist immer eine Hype-Frage, und der Hype schiebt sich natürlich in Genres. Von 2016 bis 2018 sind alle auf Afro-Trap gegangen. In den letzten anderthalb, zwei Jahren haben Newcomer mit Hip-Hop wie aus dem Nichts auf einmal riesengroße Venues gespielt. Erst wollten alle wie Apache sein, dann wie Nina Chuba. Aktuell ist im Streaming vor allem Hyper-Pop gefragt, würde ich sagen."
MARIJA
"Neben dem Hype drückt sich in Hits immer auch etwas von den Menschen aus,
die all die Songs schreiben. Wie viel von euch steckt in euren Titeln?"
ALI
"Sehr viel, besonders, wenn es ein Thema ist, das einen selbst gerade bewegt. Aber wir schreiben normalerweise ja nicht allein, sondern mit den Interpret:innen zusammen. Und da besteht unser Job vor allem darin, sich in die Künstler:innen hineinzuversetzen, ein bisschen Katalysator zu sein und ihre Gedanken auf eine Art auf den Punkt zu bringen, die sie allein vielleicht so nicht gefunden hätten. Das braucht Empathie. Man muss die Gefühle des anderen verstehen und sie herausarbeiten."
KARO
"Ich sehe mich in meinem Job als Schauspielerin, die versucht, sich in die Rolle einer anderen Person hineinzuversetzen. Wie kann ich diese Rolle schärfen und verfeinern, was kann ich da von mir reingeben? Wie kriegen wir das, was wir im Artist sehen, aufs nächste Level und wie finden wir da den Sweet Spot? Es gibt aber auch Produzent:innen und Songwriter:innen, die eine Handschrift haben und bei denen man, ohne nachzusehen, raushört, wer den Titel geschrieben hat. Die sind Skill- technisch so einzigartig, dass man ihre Handschrift und ihren Signature Move erkennt."
MARIJA
"Ist das gut oder schlecht?"
ALI
"Im Idealfall ist der Song charakteristisch für die jeweiligen Künstler:innen oder Interpret:innen. Und wenn sich die Identität und Stimmfarbe des Artists dann noch mit dem Sound des oder der Produzent:in ergänzt, können tolle Synergien entstehen. Ich versuche beim Schreiben oft, mich auch in den Fan hineinzuversetzen. Was würde ich zum Beispiel als Udo-Lindenberg-Fan jetzt am liebsten für einen Song
von ihm hören? Der Gedanke ist manchmal sehr inspirierend."
MARIJA
"Sich in den Dienst der Sache zu stellen, bedeutet, dass man selbst meistens
im Hintergrund bleibt. Habt ihr manchmal das Bedürfnis, nach vorne zu treten und sichtbarer zu werden?"
KARO
"Ich singe öfter mal Chöre oder Refrains bei diversen Künstler:innen. Etwas einzusingen, das den Artist unterstützt, macht mir Spaß."
ALI
"Bei mir ist es wie bei vielen Songwriter:innen. Angefangen habe ich mit der Idee, selbst Künstler zu sein und mit einer Band erfolgreich zu werden. Nach anderthalb Songs, die nicht veröffentlicht wurden, verlief das Ganze im Sande. Aber der Produzent, mit dem ich damals gearbeitet habe, suchte Songs für eine andere Band und fand meine super. Also hat er gefragt, ob ich das mit dem Schreiben für andere probieren will. Seitdem habe ich nie wieder darüber nachgedacht, selbst im Vordergrund zu stehen. Am Ende ist das eine Typsache. Mir hat es nie gefehlt, im Rampenlicht zu stehen. Ich bin froh über dieses für mich viel entspanntere Leben im Hintergrund – und über die große Diversität, in der man arbeiten kann."
KARO
"Als Songwriter:innen sind wir frei, lyrisch und musikalisch. Ich finde es schön, dass wir uns im Hintergrund ausleben können und immer wieder neue Menschen und Charaktere kennenlernen, die uns inspirieren. Es gibt aber nur sehr wenige Songwriter:innen, die sich rein aufs Songwriting konzentrieren. Artists wie Elif, Esther Graf oder Montez, um nur ein paar zu nennen, schreiben auch Songs für andere. Man kann beides sein. Die Entscheidung muss man für sich selbst treffen. Rihanna hat wahrscheinlich noch nie in ihrem Leben ein Lied selbst geschrieben. Sie ist aber eine unfassbare Interpretin und berührt mit der Art und Weise, wie sie es macht, Millionen von Menschen. Als Songwriterin finde ich es geil, wenn ich sagen kann, da ist jemand, die das alles zu 100 Prozent transportieren kann. Da bleibe ich lieber im Hintergrund und freue mich, wenn viele Leute meine Songs interpretieren und so auch zu ihrem Baby machen – ist ja unser gemeinsames Baby."

MARIJA
" Schlägt das Herz bei euch für manche Babys und bestimmte Genres mehr als für andere?"
KARO
"Durch meine Ausbildung zur Musical-Darstellerin schlägt mein Herz bis heute für Musicals. Ich liebe sie und besuche sie immer noch gerne. In mir steckt eine Disney Princess, das kriegt man auch nicht mehr aus mir raus. Aber eigentlich komme ich aus dem Hip-Hop und Rap. Englisch habe ich nicht in der Schule gelernt, sondern durch Musik und Filme. Das ist immer noch wichtig für mich. Und was wenige von mir wissen: Ich liebe Klassik, Soul, Gospelmusik. In welches Genre würde ich gehen, wäre ich eine Künstlerin? I don’t know. Ich kann nicht jedes Genre bedienen, aber ich liebe fast jedes Genre."
ALI
"Ich habe damals Pop gemacht, der von Britpop beeinflusst war. Beatles, Oasis, Keane, Coldplay – mit dieser Musik bin ich aufgewachsen. Wenn ich 113 vor der Wahl stünde, unbedingt noch mal was Eigenes zu machen, wäre es wohl in diese Richtung. Allerdings war es damals üblich, auch als deutsche:r Interpret:in auf Englisch zu singen. Im deutschen Markt und im Bewusstsein der Musikschaffen- den ist erst ziemlich spät angekommen, dass es eigentlich naheliegender ist, auf Deutsch zu singen. Darüber würde ich heute definitiv auch nachdenken."
MARIJA
"Dann hätten wir einmal Musical und einmal deutschsprachigen Britpop."
ALI
"Es mag abgedroschen klingen, aber jedes Genre hat seine Berechtigung, solange es Leute gibt, die es lieben und deren Tag besser wird, wenn sie die Songs hören. Es gibt für alles Fans und Leute, die diese Musik mit Herzblut machen. Wie toll das ist, habe ich erst im Lauf der Zeit gelernt. Früher und vor allem als Jugendlicher dachte ich, nur die Musik, die ich hörte, sei cool. Durch den Job ist mein Spektrum viel weiter geworden, wofür ich dankbar bin."
MARIJA
"Wenn man für viele verschiedene Künstler:innen und Genres schreibt und wenn Genres heute immer mehr verschwimmen, wie leicht oder schwer fällt es dann beim Schreiben, stilistisch zwischen Artists wie Udo Lindenberg und Elif oder Sarah Connor und Matthias Reim zu switchen?"
ALI
"Wir schreiben Songs ja fast immer in Teams. Zwei bis drei Songwriter:innen plus Künstler:in. Deswegen liegt nicht alle Verantwortung bei einem allein. Meist weiß man auch instinktiv, dass ein bestimmtes Wort, das bei Helene Fischer zum Beispiel ganz toll klingt, bei Nina Chuba total cringe wäre und umgekehrt."
KARO
"Wenn es darum geht, wie man für wen reimt, muss ich zugeben, dass ich eine Reim-Fanatikerin bin. Wenn ich beim Schreiben sage, wir brauchen einen Fünfer-Reim, denken die Anderen oft, was will die denn jetzt. Aber ich bringe so einen Fünfer-Reim auch mal in den Schlager rein, wenn ich denke, Matthias Reim könnte sowas vertragen. Und man hat ja auch im Kopf, was Ali vorhin erwähnt hat: Was würde der Hörer eventuell Neues erwarten? Was könnte man mal austesten? Und dann testet man zum Beispiel bei einem Wort. Wenn es am Ende nicht gut klingt, haben wir es wenigstens versucht."
MARIJA
"Wie genau läuft es eigentlich ab, wenn ihr fürs Schreiben angefragt werdet? Gibt es Briefings oder bekommt ihr sonstige Vorgaben von Managements und Musikfirmen?"
ALI
"Das ist total unterschiedlich. Manche Künstler:innen lassen sich vom Label oder Management gar nicht reinreden. Da ist der Song dann eben, wie er ist, und damit ist gut. Andere haben mit ihrem Management eine sehr enge Verbindung, erarbeiten mit ihm zusammen Konzepte und Visionen, und dieser Input ist dann sehr wichtig. Bei Labels gibt es den Job A & R, was für Artist und Repertoire steht. Das ist der Mensch bei der Plattenfirma, der in den kreativen Austausch mit den Künstler:innen geht und zum Beispiel Feedback auf die Songs gibt. Das kann manchmal nerven, weil man auf der kreativen Seite eigentlich schon alles perfekt findet, und dann kommt jemand von schräg außen rein und stellt nochmal Dinge in Frage. Andererseits ist es aber oft auch gut, wenn dieser Input kommt. Denn man denkt über den Song nochmal aus einer anderen Perspektive nach und es wird noch ein bisschen besser."
KARO
"Wenn es sowas wie ein Ober-Briefing von Managements und Plattenfirmen gibt, wäre es das: Hey, wir wollen die nächste Single bzw. wir wollen einen Hit. Das stresst und nervt mich ehrlich gesagt manchmal, weil ich aus einer Zeit komme, wo noch Alben gehört wurden. Ich höre immer noch gerne Alben, weil es eine Künstler:innen-Identität für mich formt. Ich häre gerne EPs, ich will die Story wissen. Nicht nur ich als Songwriterin, sondern auch ich als Hörerin. Als Songwriterin will ich natürlich
auch gerne einen Hit schreiben, aber das kannst du ja nicht aus dem Hut zaubern."

MARIJA
"Nimmt der Wunsch nach Hits durch Streaming zu? Beeinflflusst das euren Schreibprozess?"
KARO
"Als ich noch beim Radio gearbeitet habe, mussten Songs 3:30 Minuten dauern. Das ist so zirka zehn Jahre her. Im Streaming sind wir inzwischen bei 2:10 Minuten. Teilweise gibt es da auch Hits, die unter zwei Minuten liegen. Durch Streaming haben Millionen Menschen Zugang zu Musik und zu tausenden von Songs, die täglich produziert und teilweise auch auf die Plattformen hochgeladen werden. Dadurch ist die Aufmerksamkeitsspanne beim Hören deutlich runtergegangen. Fürs Songwriting bedeutet das, dass du schneller zum Punkt kommen musst. Keine langen Intros, kaum noch Key-Parts oder Gitarrensoli. Das sage ich leider auch in Sessions: Wenn du einen Song hörst und dich das erste, was du hörst – gar nicht unbedingt das Instrumental, sondern die ersten Worte und die ersten Zeilen – nicht catcht, dann catcht du den Hörer vielleicht gar nicht mehr, weil der gar nicht mehr bis zum ersten Chorus hört. Worum geht es im Lied, was passiert da? Das muss am Anfang knallen. Ein Titel muss ein Klickbait sein, auch bei der Titelauswahl. Ich würde eher einen Song von Zartmann mit dem Titel „und du suchst noch überall, alles was mal von mir war“ anklicken als den dreimilliardsten Song, der „Love“ heißt. Auch da hat Streaming einiges verändert, übrigens genau wie TikTok und Instagram. Es muss in Songs Stellen geben, die polarisieren, anecken, irgendwas mit einem machen, damit sie für TikToks und Reels aus- gewählt werden. Das habe ich teilweise schon von Managements oder Labels als Feedback bekommen. Und dazu dann noch die Ansage: „Lass den Song schnell vorbeigehen, damit die Leute ihn noch ein zweites Mal hören und ein drittes Mal, weil sie sagen, oh, das war so schnell vorbei.“ Also kurz halten, damit Songs öfter gestreamt werden. Als Musikerin und Künstlerin tut mir das ein bisschen im Herzen weh. Andererseits ist es schön, welche Möglichkeiten Streaming bietet. Ich kann rausfinden, was gestern im Kongo rauskam, kann hören, was für coole Artists und für geile Musik die da haben."
ALI
"Das sehe ich ähnlich, wobei wir ein bisschen dazu neigen, die Vergangenheit zu glorifizieren. Du hast es ja eben gesagt, Karo: „Früher musste ein Lied 3:30 Minuten lang sein“ – und das war im Radio wirklich ein Muss. Gewisse Formate haben das Songwriting also schon immer beeinflusst. Es ist kein völlig neues Phänomen, dass sich die Popmusik gewissen Marktgegebenheiten anpasst und dass sich entsprechend auch die Songwriter:innen anpassen müssen. Natürlich bringen manche Künstler:innen trotzdem nach wie vor Acht-Minuten-Lieder raus. Bei Artists, die vor allem auf Spotify oder TikTok ihr Zielpublikum haben, ist das eben anders als bei Jazz- oder Metalbands. Was ich am Streaming aber noch krasser finde, sind die Hörgewohnheiten."
MARIJA
"Inwiefern?"
ALI
"Durch das riesige Angebot, die Schnelllebigkeit und die Playlisten, die eher auf Gefühlszustände abstellen als auf Vielfalt wie bei einem Album, ändern sich die Hörgewohnheiten total. Früher hat man noch ganze Alben gehört. Heute hört man oft nur noch Playlists oder einzelne Tracks. Das Album als Gesamtwerk hat an Bedeutung verloren, und das finde ich schade, denn es macht viel von der Persönlichkeit der Künstler:innen aus."
MARIJA
"Es gibt den Vorwurf, dass im Mainstream heute wegen der wachsenden Bedeutung von Streaming alles mehr oder weniger gleich 117 klingt. Wir seht ihr das als Songwriter:innen?"
KARO
"Ja und nein. Zum einen bedeutet das, dass Artists heute mehr darauf achten, miteinander zu arbeiten, um ein gewisses Klangbild zu erzeugen. Andererseits hat dieses Klangbild auch Vorteile. Früher waren Leute oft auf ein Genre festgelegt. Rapper haben nur Rap gemacht, Rocker nur Rock – nach dem Motto, ich will da meine Credibility haben und alles andere finde ich blöd. Heute sind Künstler:innen offener. Im Hip-Hop wird mehr gesungen, und es muss nicht immer harter Straßenrap sein. Post Malone macht jetzt Country. Diese Offenheit finde ich toll. Im Writing hat das auch positive Folgen für Frauen. Man holt jetzt auch mal eine Frau in eine Rap-Session rein, weil es da andere Emotionen gibt und andere Blickwinkel. "
ALI
"Das Gefühl, dass alles irgendwie gleich klingt, ist nicht unbedingt etwas Neues. Das hat man in den 1990er Jahren gesagt bei den Boygroups und wahrscheinlich auch in den Sixties bei der Beatmusik. Dieser Eindruck täuscht aber oft. Im Moment ist die Musiklandschaft nach meinem Empfinden sogar eher diverser geworden. Neben den Schattenseiten, die wir beim Streaming haben, ist das ein positiver Aspekt."

MARIJA
"Gibt es neben der größeren Vielfalt noch mehr Unterschiede bei eurer Arbeit
im Vergleich zu vor zehn oder 15 Jahren? Wo seht ihr die größten Veränderungen?"
ALI
"Zu Beginn meiner Karriere habe ich eigentlich nur auf Englisch geschrieben und hauptsächlich Songs, die dann in Pitches gegangen sind. Als Newcomer ist das der übliche Weg. Aber einen Song auf diese Weise zu platzieren ist deutlich schwieriger. Man braucht viel Glück, um genau den Nerv des:der Künstlers:Künstlerin zu treffen, zur richtigen Zeit am richtigen Ort. „Rise Like a Phoenix“ für Conchita Wurst war einer der seltenen und großartigen Fälle,wo das perfekt funktioniert hat. Im Lauf der Karriere lernt man dann immer mehr Künstler:innen kennen und das Netzwerk wird größer. So bin ich inzwischen in der Lage, dass ich eigentlich nur noch Songs zusammen mit den Künstler:innen im Raum schreibe, was die Chance für eine Platzierung maßgeblich erhöht."
MARIJA
"Wie ist das bei dir Karo?"
KARO
"Ich schreibe seit 2018 hauptberuflich Songs. Am Anfang habe ich viel bei Pitches mitgemacht, das gibt es bei mir inzwischen gar nicht mehr, sondern ich habe manchmal Ideen für einen Chorus oder eine Strophe und das ist eine ungefähre Richtung. Manchmal reicht da zum Einsingen eine Sprachnotiz. Die schicke ich dann zum Beispiel an Johannes Oerding und frage ihn, ob das was mit ihm macht und ob er Bock hat, dass wir daran arbeiten. Das ganze Pitching-Ding mache ich auch deshalb nicht mehr, denn es wird finanziell nicht entlohnt, wenn der eingereichte Song nicht genommen wird.
MARIJA
"In den Medien geht es beim Thema Geld und Musikbranche meistens darum, wie viel Geld mit Musikstreaming verdient wird. Wie viel davon kommt bei etablierten Songwriter:innen wie euch an?"
KARO
"Du kannst dir nicht vorstellen, wie oft ich gefragt werde: „Bist du nicht reich?“ Nein, bin ich nicht. In der Vergütung herrscht ein absolutes Ungleichgewicht, was sich dringend ändern muss. Songwriting ist keine Einzelleistung, sondern Team-Arbeit, und da ist es natürlich schwierig zu sagen, wer welchen Satz geschrieben und wer was gemacht hat. Was hat Gewicht? Manchmal sagt jemand ein Wort, das im Kopf einer anderen Person etwas auslöst und die bringt das auf einen Punkt, der wieder bei jemand anders etwas bewegt. Jeder inspiriert jeden, alle spielen miteinander Ping Pong. Wenn wir über das Produkt Song sprechen, sind die Produzent:innen, die Songwriter:innen und die Künstler:innen zusammen die Person, die dahinter steht. Aber vom ganzen Kuchen bekommen die Songwriter:innen aus dem Urheberrecht am allerwenigsten. Natürlich hat auch das wieder mit der Digitalisierung zu tun. Es ist ein massiver finanzieller Unterschied, ob du 20 Millionen Streams eines Songs hast oder mehrere Millionen Mal einen Song bzw. eine Platte verkauft hast. Ali, du weißt das noch besser, weil du schon länger dabei bist."
ALI
"Mit einem erfolgreichen Song im Radio sind die Einkünfte für Songwriter:innen zum Beispiel sehr gut. Noch. Denn die Bedeutung von Radio nimmt immer mehr ab. Alles geht in Richtung Streaming und damit zu einem Verwertungsmodell, das die Urheber:innen sehr viel schlechter entlohnt. Wenn man früher, zu den Zeiten, als die CD ihr Hoch erlebte, einen Song auf einem Top-Ten-Album hatte, konnte man damit quasi sein Jahr finanzieren. Heute, im Streaming, verdient man mit einem Top-Ten-Album-Song oft nicht mal 500 Euro. So entsteht Druck, möglichst viele Veröffentlichungen zu haben, um auf seinen Schnitt zu kommen. Das beeinflusst das Songwriting, denn jeder versucht, unbedingt die Single und den Hit zu schreiben, damit sich das ganze überhaupt lohnt. Das muss sich ändern. Deshalb sitzen Karo und ich beide im Vorstand von VERSO, der Vereinigung Songwriter, die sich für faire Vergütung von Songwriter:innen einsetzt. Songs zu schreiben, soll ein Beruf bleiben, von dem man gut leben kann. Dafür muss sich die Ausschüttung für Copyright im Streaming aber deutlich verbessern.
MARIJA
"Wie könnte ein geeignetes Modell aussehen?"
ALI
"Ein Ansatz ist zum Beispiel, zumindest übergangsmäßig, eine Beteiligung
am Masterrecht. Bei der Vergütung für Songs gibt es zum einen den Copyright-Anteil für die Autor:innen, und zum anderen den Lizenz-Anteil, der an Label, Artists und Producer geht. Das Lizenzrecht wird im Streaming, im Gegensatz zum Copyright, deutlich besser vergütet. Es ist wichtig zu wissen: Als Songwriter:in bekommt man für eine Songwriting-Session in der Regel erstmal keinerlei Vergütung. Gearbeitet wird rein auf Erfolgsbasis. Wird das Lied gestreamt oder im Radio gespielt, verdienen
wir Geld durch die GEMA-Einnahmen. Wird der Song nicht veröffentlicht, haben wir für lau gearbeitet, ohne dass irgendjemand dafür zahlen musste. Das muss sich ändern. Es bräuchte zumindest eine Aufwandsentschädigung oder eine sogenannte Session Fee, so dass die erbrachte Arbeit auf einem gewissen Level, honoriert wird – unabhängig davon, was später mit dem Song passiert. Damit hätte man eine Basis, auf der man sein Leben als Songwriter:in finanzieren kann."
MARIJA
"Wenn man nur für Erfolg honoriert wird, und wenn Erfolg immer bedeutet, einen Hit zu schreiben oder einen Track, der im Streaming oder auf Social Media funktioniert, lohnt es sich dann überhaupt noch, im Songwriting auf Innovation zu gehen? Oder ist Reproduktion der bessere, weil finanziell sicherere Weg?"
ALI
"Es wird zumindest schwerer, Innovationen zu wagen, wenn man nur einen Tag hat, um einen Song zu schreiben. Deswegen mag ich es am liebsten, wenn man mehrere Tage fürs Schreiben hat. Also man fährt zum Beispiel weg, vier Tage irgendwohin, schreibt mehrere Songs, und sobald man in so einen Flow kommt, ist die Möglichkeit für Offenheit und Innovation viel größer. Deswegen suche ich immer nach solchen Situationen, um genau diese Freiheit zu haben und sich nicht so einschränken zu müssen."
KARO
"Nur einen Tag Zeit, um gemeinsam einen Song zu schreiben, ist einfach zu wenig. Wenn man abends um 19 Uhr rauskommt, kommt dann oft von jemandem aus dem Management die Frage: „Na, wie weit seid ihr, ist es ein Hit?“ Das tut uns allen weh. Was will man denn – Qualität oder Quantität? Wobei ich ehrlich sagen muss: Ali und ich sind Songwriter:innen, die sich Sessions aussuchen können. Damit gehören wir zu einem sehr kleinen Prozentsatz. Gerade junge Leute oder Newcomer oder Songwriter:innen, die noch nicht so etabliert sind, stehen da aber extrem unter Druck und tun alles, wenn ihnen gesagt wird, wir brauchen einen Hit, wir brauchen die Single. Wie gesagt: Jeder will irgendwie einen Hit und dass wir alle davon leben können. Aber überhaupt die Möglichkeit zu haben, Musik zu machen und davon leben zu können – ich bin so krass dankbar dafür, dass das möglich ist. Ich weiß noch, wie Ali und ich mit Lea eine Session hatten. Das Ergebnis war ein Album-Song, keine Single, aber mir haben hinterher viele Leute geschrieben, dass die Nummer sie richtig berührt hat. Das ist das, was mich am Ende als Songwriterin am Leben hält – irgendjemanden hat es berührt. Das zu wissen, treibt mich an und das finde ich geil."
MARIJA
"Die größte Herausforderung im Songwriting ist aktuell also, sich trotz des finanziellen Drucks die Freiheit für Kreativität bewahren zu können?"
KARO
"Ich glaube, Vergütung ist da wirklich Thema Nummer eins und die größte Herausforderung, weil so viel daran hängt. Und für mich ist schon auch das Verständnis für unsere Arbeit ein Thema – das leider fehlende Bewusstsein dafür, dass Songwriting Teamarbeit ist.
ALI
"Wie schafft man es, dass der Raum für die Kunst nicht zu klein wird? Dass Platz für verschiedene Genres und Veränderungen und Innovation bleibt? Das treibt mich neben der Vergütungsfrage schon sehr um. Und dann ist da natürlich das Thema, was in jeder Songwriting-Diskussionsrunde irgendwann aufkommt: Wie geht es mit der KI weiter? Es sind große Herausforderungen, aber auch Chancen, die da auf uns zukommen."






































