Lieblingsplaylist
Silvia Silko
Und dann höre ich Musik – der wohl schnellste Seelentröster, Seismograph für Umbrüche und das beste Ventil fürs Klarkommen, Ordnen, Weitermachen.

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Silvia Silko

Und dann höre ich Musik – der wohl schnellste Seelentröster, Seismograph für Umbrüche und das beste Ventil fürs Klarkommen, Ordnen, Weitermachen.

Wir leben in einer beispiellosen Ära, sowohl politisch als auch gesellschaftlich und technisch. Eine Überzeugung, die vermutlich jede Generation zu einem gewissen Punkt ihrer Existenz hatte. Dennoch ist es berechtigt, manchmal das Gefühl zu haben, dass einem selbst, so als kleines Individuum, jetzt gerade alles zu viel wird. Das geht mir jedenfalls so. Und dann höre ich Musik – der wohl schnellste Seelentröster, Seismograph für Umbrüche und das beste Ventil fürs Klarkommen, Ordnen, Weitermachen. In dieser Playlist habe ich genau die Songs versammelt, die das für mich in letzter Zeit geleistet haben. Manche haben mich aber auch einfach nur begeistert. Weil: Das darf und kann Musik auch, einem einfach das Herz erwärmen.
Julien Baker & Torres – Sugar in the Tank
Country hat progressives Potenzial. Merkt man dem Country-Mainstream gar nicht so an, der hauptsächlich weiß und heteronormativ ist. Torres und Julien Baker sind seit neuestem Genre-Rebellinnen: Sie haben dieses Jahr ein Album veröffentlicht, in dem es vor allem ums Queersein in einer traditionellen Gesellschaft geht – und zwar in feinster schunkeliger Country-Tradition.
Rosalía – Mio Cristo Piange Diamanti
Bei diesem Song weint nicht nur Christus – ich weine auch, jedes Mal. Bei mir sind es halt keine Diamanten, die mir aus den Augen kullern, sondern herkömmliche Tränen. Hat Rosalía mit Lux 2025 den Pop neu erfunden? Ich denke nicht. Aber sie hat gezeigt, was Pop kann, wenn man nicht permanent den Algorithmen folgt und deshalb erst recht Großes schafft.
MADANii – Dast
Challenge: Diesen Song anhören, ohne dabei anzufangen zu tanzen. I bet you can not! Die Berlinerin MADANii ergründet mit diesem Song und ihrer dazugehörigen EP BiiLINGUAL ihre iranische Herkunft. Sie fragt sich: Wenn es 1979 keine Islamische Revolution gegeben hätte, wie würde die zuvor so lebendige Musikszene heute klingen? „Dast“ ist ein Vorschlag.
Balbina – Zwischen 2 Welten
Ich kenne das noch aus den frühen 1990er-Jahren: Nussschokolade von Aldi denen „drüben“ mitbringen, wie meine Mutter es formulierte. In diesem Bild aus Zucker und Fett, aus roter und beiger Papierverpackung steckt mehr Selbstverständnis für das Leben als Migra-Kind, als in wortreichen Beschreibungen. Ich bin, wie Balbina, zwischen zwei Welten aufgewachsen, und dieser Song fasst diese Wirklichkeit pointiert zusammen.
Lucy Dacus – Ankles
Ist Lucy Dacus der Bruce Springsteen ihrer Generation? Immerhin kann sie das mit den Alltagsbeschreibungen, zeitlosem Songwriting und Ohrwurm-Songs, ohne dass es je langweilig wird. In „Ankles“ schreibt sie das erste Mal offen übers Queersein und sehr explizit über Sex mit der Angebeteten.
Florence + The Machine – Everybody Scream
Florence Welch ist eindeutig eine Nachfahrin der Hexen, die sie im Mittelalter hätten verbrennen wollen. Konjunktiv! Denn geklappt hat das damals ganz sicher nicht. Nicht bei dieser Wucht, die Welch auch auf ihrem neuesten Album wieder an den Tag legt und ja von irgendwoher geerbt haben muss. Und jetzt folgen wir ihr: „Everybody Scream!“
Betterov – Große Kunst
Wer Goethe mag, dem muss eine Faust in seinem Gesicht doch auch gefallen. Ungefähr mit diesen Worten beschreibt Betterov die Schläge, die er in der Schulzeit kassiert hat, weil er Gedichte gut fand. Er thematisiert Herkunft, Klassenkämpfe und Wendezeit so ehrlich und markant wie schon lange niemand.
Perfume Genius feat. Aldous Harding – No Front Teeth
Wie sexuell und seltsam kann gemeinsames Waffelessen sein? Das erfährt man im Video zu diesem grandiosen Song. Dieser ist typisch Perfume Genius: Dramatisch, satt und lyrisch. Eine dynamische Meditation darüber, dass man auch ohne Vorderzähne ein Grinsen hinbekommt.
Lana Del Rey – Henry, Come On
Quo vadis, Lana? Ihr neues Album namens Lasso wurde für 2025 angekündigt, dann wurde alles über den Haufen geworfen, nachdem die Amerikanerin ihren Ehemann Jeremy Dufrene heiratete. Immerhin: Sie hat uns 2025 ein paar neue Songs beschert. „Henry, Come On“ etwa – eine ätherische, folklastige Nummer, die mich am Morgen des Veröffentlichungstages vor Freude ins Frühstücksmüsli hat jauchzen lassen.
Geese – Trinidad
Möglichem Chaos im Kopf kann man sehr gut durch erratisches Tanzen durch die Küche beikommen. Der Soundtrack dazu: „Trinidad“, enthalten auf Getting Killed, dem dritten Album von Geese. Und nicht nur der erwähnte Song, auch das Album ist impulsiv, expressiv und geradezu kathartisch. Geese ist die Rockband der Stunde, eine spannende Formation aus Brooklyn, von der wir ganz sicher noch sehr viel hören werden.
Playlist: https://open.spotify.com/playlist/3VrLk7GR0CUCKajqoigvuD













































