Von Popsongs und Matcha: Popmusik und Essen als kulturelle Praxis

Dabei sein isst alles

Magazinbeitrag „Von Popsongs und Matcha“ von Caro Laila Noa-Rahel Hartwig Rauh

Text von

Caro Laila Noa-Rahel Hartwig Rauh

Foto

Caro Laila Noa-Rahel Hartwig Rauh

Eine Band kennen, bevor sie groß rauskommt. Das war mal was. Für mich meine Welt. Die kleinen Clubs, die halbleeren Shows, die vielversprechenden Namen, die wir flüsterten, um sie nicht zu früh zu verraten. Jede Entdeckung war der Beweis, ganz nah am nächsten großen Ding zu sein. Heute renne ich in den Supermarkt, weil mich ein Reel über Japanese Cheesecake triggert. Das muss ich ausprobieren, bevor ich eine von denen bin, die es bloß nachmachen. Ich sitze in Restaurants, während mir tätowierte Typen die Herstellung von Orange Wine mansplainen – ganz wie früher im Plattenladen, wo es um den Entstehungsmythos eines Albums ging. Nur dass ich jetzt nicht mehr über Gitarrenriffs diskutiere, sondern über natürliche Hefen und Fermentationsprozesse. Das System ist dasselbe. Das Medium ein anderes. Keine Überraschung also, dass sich diese beiden Welten längst auch im Pop selbst begegnen.

„Iced Matcha Latte, zu spät beim Pilates“ – rappt Shirin David in ihrem Hit „Bauch, Beine, Po“ – und liefert auf Instagram gleich das passende Rezept dazu. 154.000 Likes. Popmusik begnügt sich längst nicht mehr mit den Ohren ihres Publikums. Sie setzt Food-Trends, die sich nahtlos in den Lifestyle einschreiben. Auch der Berliner Rapper Luciano erweitert seine Marke über die Musik hinaus und betreibt eine Fastfoodkette für frittiertes Hähnchen. Die Liebe zu den Idolen geht den Fans also buchstäblich durch den Magen.

Porträt Caro Laila Noa-Rahel Hartwig Rauh

Beides – Essen und Popmusik – sind kulturelle Systeme, nicht bloßer Konsum. Es geht um mehr. Sie erzählen Geschichten, stiften Zugehörigkeit, markieren, Teil einer Szene zu sein und setzen Trends. Sie leben vom Reiz des Neuen, von Ritualen und vom Versprechen von Authentizität. Und den vielen Geheimnissen, die nur die Eingeweihten kennen. Wer ein Gericht oder eine Band entdeckt, erzählt immer auch etwas über sich selbst: über Geschmack und Persönlichkeit. Der fade Begriff der Individualität, eine Illusion – totgekocht wie eine Nudel, aber treffend.

In unserer Gegenwart mutieren Köchinnen, Food-Influencer:innen und Gastronom:innen zu Popstars. Nicht zufällig. Ein Name wie Yotam Ottolenghi funktioniert heute ähnlich wie der einer Band. Wir warten auf neue Rezepte wie auf Singles, sammeln Kochbücher wie früher Platten. Ottolenghi füllte letztes Jahr auf seiner „Comfort“-Tour die Hamburger Laeiszhalle und beeindruckte seine Fangemeinde mit gefüllten Pfannkuchen. Keine Haute-Cuisine, aber ein Happening. Es geht längst nicht mehr nur um das Produkt – das Gericht, das Album –, sondern um das Spektakel. Die Dramaturgie ist immer dieselbe: erst die Entdeckung, dann der Hype, schließlich Ungnade der Übersättigten. Die Karawane zieht weiter, nur um mit zeitlichem Abstand nostalgisch zurückzublicken. Bereit für ein Comeback!

So wie Fans einst Indie-Bands in kleinen Clubs feierten, fiebern Foodies neuen Kreationen entgegen, posten sie, teilen sie und bauen Erinnerungen darum herum. Reservierungen in ausgebuchten Neueröffnungen haben heute die Logik von Konzerttickets. Früher stieg man in den Regionalexpress, fuhr zu Konzertsälen in Kleinstädten, blieb wach, stand Schlange – einfach, um dabei zu sein. Heute pilgert man in andere Metropolen, nicht mehr nur für den Moment, sondern für den Beweis – Beyoncé in Amsterdam oder Cinnamon Roll in Kopenhagen: Ich war dabei.

Food-Trends folgen dabei denselben Mechanismen wie Musik. Manche sind One-Hit-Wonder – ein Sommer, ein Hype, dann verschwunden. Andere setzen sich durch und landen im kulinarischen Kanon, im Best-of. Coverversionen des Originals sprießen wie Pilze aus dem Boden.

Auch die zeitgenössische Gastronomie bedient sich musikalischer Prinzipien. Sampling gehört zum Standard. Was in der Musik selbstverständlich ist, heißt in der Küche Fusion: Leberknödel im Tempurateig, Blutwurst als Sashimi – Gegensätze verbinden sich in Kombinationen, um neue sensorische Erfahrungen zu erzeugen. Manchmal gelingt das. Oft aber entsteht ein Mix aus allem, was die Instagram-Foodkultur gerade hergibt. Am Reißbrett entworfene Charthits für den Massengeschmack. Wie bei Castingbands zählt die Optik mehr als der Klang – oder hier: mehr als der Geschmack. Denn ein Mundgefühl lässt sich nicht teilen. Bilder schon.

Titelgrafik: Von Popsongs und Matcha

Insiderwissen ist die Währung einer kulinarischen Elite. „Kennst du den kleinen Handpulled-Noodles-Laden?“ funktioniert wie die alte Frage: „Kanntest du diese Band schon, bevor sie groß wurde?“ Essen und Musik markieren Zugehörigkeit, aber auch Distinktion. Ein Matcha Latte für sieben Euro ist nicht demokratisch. Für den grünen Treibstoff der urbanen Contentproduktion auch noch Schlange zu stehen: ein sakrales Erlebnis. Wer teilt, gehört dazu. Wer erkennt, versteht. Die ironische Brechung des Ganzen: eine müde, aber obligatorische Geste.

Doch diese Logik verändert das Erleben selbst. Konzerte wie Dinnerpartys werden zu Foto-Opportunitys. Das Handy geht hoch, bevor der erste Ton erklingt, bevor der erste Bissen auf der Zunge landet. Ungefiltertes Erleben ist die Ausnahme. Wir erfahren nicht mehr unmittelbar, sondern durch die Linse der Kamera, durch das Raster der Social-Media-Ästhetik. Social Media ist die Bühne. Essen und Musik sind Instrumente der Selbstinszenierung. Die Subkultur ist bloß noch eine schnöde Suppe. Handgemachtes Sauerteigbrot, die Konzertaufnahme aus der ersten Reihe – alles ist Teil eines performativen Spiels. Unter der Kruste ist eine Menge Luft.

Über allem schwebt der Anspruch auf Echtheit. Dabei hat ihre permanente Eventisierung sie längst ausgehöhlt. Wir inszenieren Levante-Style, teilen Speisen über die Tafel, sitzen vor Tischgrills im Korean BBQ. Rituale verkommen zur Nachahmung. Sie rücken näher an Cosplay als ans Original. Und doch möchten wir genau das sagen dürfen: Das ist super authentisch.

Magazinseite zu „Von Popsongs und Matcha“

Alles ist orchestriert. Die Blickwinkel sind kuratiert. Das Setting stimmt. Aber all das sind bloß leere Beweise, dabei gewesen zu sein. Die Spontanität stirbt. Die Lautstärke verschwindet. Erfahrung wird behauptet, während sie gleichzeitig zerlegt wird. In Sequenzen, Formate, Looks. Erzählungen, die funktionieren sollen. Für den Feed. Für die Erinnerung von außen.

Dabei entstehen sie immer noch: Jene Momente, die sich nicht festhalten lassen. Sie sind selten geworden, aber sie sind da. Sie passieren, wenn ein Gericht überrascht, ohne inszeniert zu sein. Wenn ein Song kribbelt, bevor das Handy oben ist. Wenn Erfahrung wieder Erfahrung sein darf und nicht bloß Material. Vielleicht geht es also gar nicht darum, ob etwas „echt“ ist oder nicht. Wer es wann oder wie vor jemandem kannte. Sondern darum, ob wir bereit sind, es auszuhalten, dass Erleben keinen Nachweis braucht und keine Bestätigung. Dass es genügt, wenn etwas im Körper bleibt, statt auf dem Bildschirm.

Vielleicht sollten wir uns wieder fragen, was eigentlich zählt: der Moment vor oder nach dem Post?