„Denn das ist meine Limonade, oder auch mein Kanister Olivenöl: Mir Dinge ausdenken, die ein bisschen schlimmer und ein bisschen besser sind als das, was ist.“
„Alles ganz schlimm“: Über die subjektive Wahrnehmung der Gegenwart

Text von
Julia Pustet
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Julia Pustet

Bei dir ist immer alles ganz schlimm, hat einmal ein Künstler zu mir gesagt.
Der Künstler hatte gerade einen halben Liter Olivenöl direkt aus dem Kanister in eine Schüssel gekippt, Himbeeressig und Maggi darübergeschüttet und alles mit einem Kochlöffel umgerührt. Ich war gerade von meiner Ärztin nach Hause gefahren und hatte ihn dort mit meinem Kanister in der Küche erwischt. Das ist das gute Öl von meiner Oma, hatte ich geheult, das wisse er doch, außerdem hätte ich, wie sich herausgestellt habe, Morbus Crohn, und er sei ein schlechter Mitbewohner, und ehrlich gesagt ein wenig rücksichtslos.
Man sage ja erstmal immer, sagte der Künstler daraufhin, die Rücksichtslosen seien immer die Täter und die, die die Rücksichtslosigkeit zu ertragen haben, seien die Opfer. Für ihn, den Künstler, sei das zu einfach gedacht. Rücksichtslos zu sein, sagte er, sei nun mal seine Natur, und nicht mehr rücksichtslos zu sein sei für ihn so anstrengend wie es für mich anstrengend sei, das Öl meiner Großmutter zu teilen. Außerdem, sagte er dann, jetzt auch noch Morbus Crohn?
Irgendwann reicht es auch, klagte der Künstler und verschlug das Öl so heftig mit dem Essig und dem Maggi, dass es gegen die Fliesen spritzte, ach, ich weiß ja auch nicht, bei dir ist immer alles ganz schlimm.
Vor Scham hörte ich auf zu weinen. Ich nahm meinen Kanister von der Arbeitsfläche, schraubte den Deckel zu und ging in mein Zimmer. Der Künstler warf mich wenig später aus der Wohnung, um das Zimmer zu einem höheren Preis an einen Erasmus-Studenten zu vermieten. Meine Ärztin gestand mir, sie hätte sich mit dem Morbus Crohn geirrt, ich habe wahrscheinlich einfach eine Magen-Darm-Grippe oder Malaria gehabt und solle mir eine ordentliche Suppe kochen, um wieder auf die Beine zu kommen. Ich erholte mich, vom Künstler und von der Malaria, vielleicht auch von der Magen-Darm-Grippe. Es vergingen zehn Jahre, dann öffnete ich ein Dokument und nannte es: Alles ganz schlimm.
Alles ganz schlimm, das meinte ich als Meme, über Drama Queens, Rich Girls und wohlstandsverwahrloste Studis, die in Berliner WGs mit rücksichtslosen Künstlern leben. Alles ganz schlimm, das war die dramatische, wahrscheinlich weiblich markierte Version des Künstlers, dem alles ein bisschen egal ist, der, genauso wie die Studentin, noch nie etwas wirklich Schlimmes erlebt hat. Alles ganz schlimm war die histrionische Seite von alles gut. Beides nervig, beides nicht für ein besonderes Potenzial zur Literarisierung bekannt.
Dann schrieb ich ein Buch, in dem es um eine Frau geht, die nicht ich ist, die aber ebenso mit dem Künstler zusammengelebt haben könnte. Eine Frau, die ganz normale Dinge erlebt, dysfunktionale Konflikte in der Familie, sexuelle Übergriffe im Freundeskreis, die Konsequenzen schlechter Entscheidungen. Ein ganz allgemeines Buch eben, darüber, dass alles immer recht schwer ist. Bis hierhin lief's noch ganz gut, nur andersrum.
Alle Menschen werden das Meme erkennen, dachte ich mir dabei, alle werden sagen: Das ist ein Buch über eine Frau, der noch nie etwas wirklich Schlimmes passiert ist. Mit einem Titel, der – ganz klar – eine Antwort auf autofiktionales Erzählen ist, ein Erzählen, das seine Authentizität und Kraft aus eigentlichem, biographischem Leid schöpft.
Alles ganz schlimm, dachte ich, ist ja – ganz klar – nicht autofiktional, sondern ist ein Kommentar und dummer Scherz, über Voyeurismus, über Kitsch, über Kinder, die Schimmel von Tapeten essen, über des Vaters rote Hände und Großmutters Haus, das einfach weggebaggert wird. Über Leid, das sich auf einen Begriff bringen lässt: Gewalt. Vertreibung. Transzendentale Unbehaustheit. Et cetera.
So hatte ich mir das gedacht. Aber natürlich kam alles wieder ganz anders: Meine sorgfältig angelegte Ironie, mein boshaft geplanter Metakommentar, mein Meme wurden einfach – überlesen.
Leserinnen, Moderatorinnen, eine Frau vom Radio, meine Mutter, alle sagten sie, in meinem Buch sei, ganz eigentlich, ganz ohne zweite Ebene, alles ganz schlimm. Die Protagonistin habe ja wirklich Fürchterliches erlebt, kein Wunder, dass aus ihr ein ambivalenter, ein gebrochener Charakter geworden sei, mit der schrecklichen Familie, der sexuellen Ausbeutung, der psychischen Krankheit, dem Hass, ach je, und dann noch den Intrigen, der Klapse, der Gewalt.
Halt Moment, nein nein, hielt ich ihnen entgegen, ihr versteht das falsch. Meiner Protagonistin sei im Grunde nichts widerfahren, was nicht uns allen widerfahre, ihr Leid sei ja gar nicht so groß, erst recht nicht größer als das ganz allgemeine Leid, sie habe nicht einmal den Schimmel von der Tapete essen müssen, niemand habe das Haus ihrer Großmutter aus der Lausitz weggebaggert, und transzendental unbehaust sei sie nicht mehr als wir alle.
Ja ja, sagten die Leute, sie hätten die Ironie schon verstanden: Die Zitronen auf dem Cover, das ist so if life gives you lemons, das brächte so eine Leichtigkeit mit rein, die auch ein bisschen morbide sei.
Die Zitronen, seufzte ich, also das war so. Der Verlag hatte auf dem Cover erst eine Frau mit Blumen gewollt, die mir aber nicht gefallen habe, dann hatte ich eine ungehaltene Mail geschrieben, dann noch eine, hatte mich für meinen Ton entschuldigt, hatte dem Verlag ein sperriges Aquarell vorgeschlagen, der Verlag mir dann wieder eine Grafik aus dünnen Frauen ohne Köpfe, dann ich Mandarinen, daraus wurden dann Zitronen, aber eigentlich handle es sich um ein Zwiebelbuch. Zwiebeln, weil die Geschichten darin ineinander eingepackt waren, aber Zwiebeln auch, weil man von Zwiebeln heulte, ohne dass einem was passiert sei.
Hm, sagten die Leute.
Vielleicht, sagte ich ihnen dann, vielleicht habt ihr ja auch Recht, wenn ihr alles ganz schlimm so ganz eigentlich nehmt, und vielleicht habe ich recht, wenn ich es als Meme behandle, und vielleicht liegt die Wahrheit des Buchs darin, dass das Meme darin zur Wahrheit wird. Im Leben des Alles-ganz-schlimm-Girls ist eben wirklich alles ganz schlimm, auch wenn das Haus der Oma nicht weggebaggert wurde und der Vater noch alle Finger und Zehen hat. „Alles ganz schlimm“ ist ein Buch darüber, dass das Leben unter den Bedingungen, unter denen wir es leben, schlimm ist, also das Leben überhaupt ist scheiße, und zwar wegen Staat, Nation und Patriarchat.
Hm, sagten die Leute.
Mein Alles ganz schlimm, sagte ich also, sei vielleicht die Antithese zum Linkspopulismus, zu eat the rich oder zur Vorstellung es gäbe sowas wie neurotypische Gehirne oder glückliche Familien. Indem mein alles ganz schlimm Meme und Wahrheit gleichzeitig sei, sagte Alles ganz schlimm, dass das Leben besser sein müsse, im Allgemeinen.
Ah, sagten dann die Leute, verstehe. Aber sag, gibt das Buch dann überhaupt Hoffnung?
Ja aber natürlich, antworte ich dann, denn wenn alles ganz schlimm uns alle meint, dann teilen wir uns auch alle die Hoffnung, oder?
Dann antworten die Leute meistens nicht mehr, weil ich gern auf einer Pointe ende, und den Dialog habe ich mir natürlich ausgedacht. Denn das ist meine Limonade, oder auch mein Kanister Olivenöl: Mir Dinge ausdenken, die ein bisschen schlimmer und ein bisschen besser sind als das, was ist.

























































