Wie demokratisch ist die demokratischste Kunstform Pop eigentlich noch?

Selbst im Hip Hop existieren seit Längerem kaum noch Szenen im klassischen Sinn, in denen Sound, Ästhetik und soziale Verortung zusammenfallen. Pop ist in digitalen Zeiten weitgehend entortet.

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Selbst im Hip Hop existieren seit Längerem kaum noch Szenen im klassischen Sinn, in denen Sound, Ästhetik und soziale Verortung zusammenfallen. Pop ist in digitalen Zeiten weitgehend entortet.

Porträt von Torsten Groß

Das Idealbeispiel war 2025 natürlich Rosalía: ein internationaler Superstar aus Europa, der mit dem Album Lux alle Theorien zu Mikroblasen und gesellschaftlicher Spaltung scheinbar ignoriert und eine maximal diverse, vielseitig befruchtete Musik geschrieben hat, die Genregrenzen spielerisch überschreitet und dennoch eindeutig Pop im klassischen Sinne bleibt. Allein in der Single „Berghain“ singt Rosalía Textzeilen auf Deutsch, Englisch und Spanisch, kombiniert dramatische Opernmusik mit Artpop und Rap und bleibt dabei im eingängigen Popformat unter drei Minuten. Insofern lässt sich das Album Lux als Entsprechung einer idealtypischen Idee von Popmusik lesen: Pop als zutiefst kollektives, prinzipiell allen offenstehendes Projekt. Musik als international verständliche, universell zugängliche Sprache.

Überhaupt scheint Pop heute offener zu sein denn je. Alle können veröffentlichen, alles ist jederzeit verfügbar, nichts scheint wirklich ausgeschlossen zu sein. In der Plattformökonomie wird diese Offenheit als demokratischer Fortschritt inszeniert und Pop als grenzenloses Archiv. Herkunft, Genre, Sprecher:innenposition und andere Grenzziehungen scheinen kaum noch zu zählen, ein Umstand, den Künstler:innen wie Rosalía auf kongeniale Weise in ihrer Kunst spiegeln.

In Wahrheit erscheinen Künstler:innen wie sie eher als Ausnahmen von einer Regel, in der sich die neue Offenheit oft merkwürdig reibungslos anfühlt.

John Lennon soll einmal sinngemäß gesagt haben, Musik sei kein Kommentar zur Gesellschaft, sondern ein Teil von ihr. Musiker erfänden ihre Zeit nicht, sie klängen nach ihr und machten insofern hörbar, woher sie kommen und in welcher Welt sie leben.

Lennon sprach aus einer Zeit, in der die Band als soziokulturelle Einheit begann, die zuvor tonangebenden Solokünstler:innen abzulösen. Seit den Beatles waren Bands dann genreübergreifend jahrzehntelang die wichtigste Keimzelle von Pop. In ihnen wurden ästhetische Entscheidungen, soziale Dynamiken und kollektive Erfahrungen untrennbar miteinander verwoben, individuelle Unterschiede überbrückt und produktiv gemacht. Zugleich waren Orte und Szenen für die Ausbildung von Popkultur zentral: Liverpool für den Beat, Detroit für Motown und später Techno, San Francisco für die Hippie-Kultur, London für Punk, New York für Disco, Manchester für Acid House und Rave, Seattle für Grunge usw. usf.

Durch lokale Szenen mit vielstimmigen Bands und Kollektiven entwickelte sich Pop zu einem gigantischen Möglichkeitsraum, zu einer Kunstform, die von Offenheit, Zugänglichkeit und ebendieser Vielstimmigkeit geprägt war und in der soziale Unterschiede traditionell weniger stark durchschlugen als in vielen anderen kulturellen Feldern.

Zurück in die Gegenwart: Rein theoretisch wären Bands musikalisch weiterhin eine sinnvolle Organisationseinheit. Tatsächlich erscheint es in Zeiten der algorithmisch organisierten Plattformökonomie jedoch beinahe hoffnungslos romantisch, überhaupt noch eine Band zu gründen. Die für Newcomer und kleinere Acts ohnehin spärlichen Einnahmen müssen geteilt werden, Tourneen und Proberäume sind teurer. Eine Band ist in der frühen Phase kaum noch finanzierbar und musikalisch nicht mehr zwingend notwendig, seit Einzelpersonen alles allein am Computer produzieren können. Dass es heute weniger Bands gibt, lässt sich nicht allein mit der Popularität von Genres wie Hip-Hop oder R&B erklären, in denen Bands traditionell eine weniger große Rolle spielen.

Selbst im Hip-Hop existieren seit Längerem kaum noch Szenen im klassischen Sinn, in denen Sound, Ästhetik und soziale Verortung zusammenfallen. Pop ist in digitalen Zeiten weitgehend entortet. Woher jemand kommt und wo Musik entsteht, spielt kaum noch eine Rolle. Das klingt zunächst idealtypisch offen. Tatsächlich war das Web 2.0 eine enorme Demokratisierungsmaschine, auch für Pop. Die Liberalisierung der Produktionsmittel schien ein zentrales Punk-Versprechen Wirklichkeit werden zu lassen: DIY. Musikherstellung wurde so zugänglich wie nie zuvor. Über soziale Netzwerke konnten sich vormals lokale Szenen international vernetzen, jenseits klassischer Gatekeeper.

Ist die Kritik an Big Tech im Pop also bloß nostalgisches Gejammer? Kulturpessimismus ist älter als Pop selbst. Schon der Synthesizer galt als Bedrohung der „handgemachten Musik“, Drumcomputer als Ende des Schlagzeugers. Wie wir heute wissen, verdankt Pop gerade diesen Technologien gewaltige Innovationsschübe. Und auch heute spielen Menschen weiterhin Gitarre und Schlagzeug.

Radikal verändert hat sich jedoch die Geschwindigkeit technologischer Umbrüche und die Logik ihrer Betreiber. Während frühere Technologien kommerziell waren, folgte ihrer Einführung keiner vergleichbar radikalen Verwertungslogik wie in der Plattformökonomie. Tech-Unternehmen haben es geschafft, Vernetzung profitabel zu machen, ohne Produzent:innen angemessen zu beteiligen. In der Kunst fällt das besonders ins Gewicht, weil ihr Wesen der Plattformlogik widerspricht.

In der algorithmisch optimierten Ökonomie geht es nicht mehr um Produkte, sondern um Verhalten. Plattformen beobachten nicht nur, sie intervenieren. Freiheit wird strategisch gelenkt. Musik erscheint nicht mehr als Ausdruck, sondern als Verhaltensspur. Pop wird als Signal im Datenstrom behandelt. Offenheit existiert nur noch innerhalb berechneter Wahrscheinlichkeiten.

Dass hier kaum von KI die Rede ist, ist kein Zufall. Zeitgenössischer Pop klingt oft bereits in seiner menschengemachten Variante gleichförmig und nimmt KI-Musik quasi vorweg. Musik wie Lux ist die Ausnahme.

Hinzu kommt der Positionierungszwang sozialer Medien. Haltung verdrängt Ambivalenz. Zwischentöne gelten als störend. Das widerspricht der Idee von Kunst. „Zwei Dinge gehen nicht: der Anspruch auf das letzte Wort und die Aggression ad personam am digitalen Pranger“¹, sagt der Poptheoretiker Diedrich Diederichsen.

Was bedeuten diese Entwicklungen für Pop als Seismograf? Wie offen kann Pop sein, wenn seine Urheber:innen kaum noch die Miete bezahlen können? Früher war Pop kein Karriereversprechen, sondern ein Raum des Verirrens. Sichtbarkeit war prekär, Scheitern einkalkuliert. Pop war ein sozialer Versuch, kein Produkt.

Heute existiert Vielstimmigkeit weiterhin, man bekommt sie nur kaum noch mit. Sichtbarkeit neu zu behaupten und dem Zufall Raum zu geben wäre eine bewusste Entscheidung. Für John Lennon war Pop kollektiver Ausdruck sozialer Verhältnisse. Musik ist kein Monolog, sondern ein Spiegel gesellschaftlicher Erfahrung. Kein Versprechen auf Erfolg, sondern auf Möglichkeiten. Wie bei Rosalía.

1 Diederichsen, D. (2024, 11. April). Das Ästhetische zu meiden, ist wie Selbstmord aus Angst vor dem Tod. WOZ — Die Wochenzeitung. https://www.woz.ch/2410/diedrich-diederichsen/das-aesthetische-zu-meiden-ist-wie-selbstmord-aus-angst-vor-dem-tod

Magazin-Grafik: Frage und SMS von Torsten Groß