Pop loves Fashion

Cora mit Inéz, Carolin Niemczyk und Romina Mann

Titelgrafik Pop loves Fashion: Cora mit Inéz, Carolin Niemczyk und Romina Mann

Interview mit

Inéz × Carolin Niemczyk × Romina Mann

Durch das Gespräch führte

Cora Jessica Pereghy

Selfies

Carolin Niemczyk, Inéz, Romina Mann

Stage-Foto Carolin Niemczyk

Markus Haner

Stage-Foto Inéz

Elena Winterer

Trettmann-Foto

Finn Bündert

Print Ausgabe

Magazin 2026

Selfie von Carolin Niemczyk

Carolin Niemczyk

Porträt von Inéz mit geometrischer weißer Brille

Inéz

Selfie von Romina Mann im Aufzug

Romina Mann

Carolin Niemczyk, Inéz, Romina Mann: Drei Frauen, drei Perspektiven – und ein gemeinsames Verständnis von Form. Wir haben mit ihnen über die Schnittstelle von Pop und Fashion gesprochen, über Identität und Inszenierung, über Haltung, Nachhaltigkeit und die Frage, warum Mode in der Musik weit mehr ist als Mittel zum Zweck.

Carolin Niemczyk ist eine Hälfte des Pop-Duos Glasperlenspiel und seit den 2010er-Jahren fester Bestandteil der deutschen Musikszene. Als Performerin in der breiten Öffentlichkeit prägt sie über TV- und Bühnenauftritte nicht nur Songs, sondern auch visuelle Codes: Mit ihren Looks setzt sie subtil, aber mutig Trends und verschiebt die Wahrnehmung dessen, was im deutschen Pop als „üblich“ gilt. Seit 2023 führt sie in Berlin die High-Fashion-Rental-Boutique CZYK.

Inéz ist seit 2016 Teil des international aktiven Musikduos ÄTNA. Gemeinsam mit Demian Kappenstein schafft sie ein Gesamtkunstwerk aus Musik, Performance und visueller Ästhetik, das Grenzen hinterfragt und neu definiert. Ihre oft skulpturalen, avantgardistischen Bühnenoutfits sind dabei weit mehr als visuelle Marke: Sie sind Ausdruck musikalischer Identität. Mit ihrem Schaffen prägt Inéz das Verständnis davon, wie Form und Musik miteinander verschmelzen.

Romina Mann ist seit über einem Jahrzehnt als Stylistin für Musiker:innen und Künstler:innen tätig — für Bühne, Red Carpet und große öffentliche Auftritte. Mit ihrem geschulten Blick für Ästhetik und Zeitgeist prägt sie Projekte an der Schnittstelle von Mode, Musik und Film. Ihre Handschrift ist dabei längst mehr als reine Styling-Arbeit. Sie gilt als einflussreiche Stimme innerhalb der deutschen Fashion-Szene: ein Blick, der Trends begleitet und vor allen Dingen mitprägt.

CJP

Inéz und Carolin, ihr seid beide etablierte Musikerinnen – und nicht nur, dass ihr beide in Duos Musik macht, verbindet euch, sondern auch die Liebe zur Mode. Und die teilt ihr auch mit Romina. Was bedeutet Mode für euch jeweils ganz persönlich?

Inéz

Bei mir ist es einfach Ausdruck. Bei Musikvideos auch eine zweite Ebene, Gestaltung und eine Verstärkung vom inneren Gefühl.

„Bei mir ist Mode einfach Ausdruck.“
– Inéz

Zitat von Inéz: Bei mir ist Mode einfach Ausdruck
Carolin

Da kann ich auf jeden Fall relaten. Aber ich glaube, bei mir hat sich das im Laufe der Zeit ein bisschen verändert. Ich habe das Gefühl, dass ich von meinem privaten Ich auf der Bühne noch mal weiter weg bin als früher. Was aber auch voll gut ist. Mode spiegelt ganz oft das aktuelle Ich und vielleicht auch einfach den aktuellen mentalen Zustand wider, oder allgemein die Stimmung. Wenn ich auf die Bühne gehe, habe ich mittlerweile noch mehr Bock, über die Stränge zu schlagen, weil ich möchte, dass dieses Bühnen-Ich bewusst weiter weg von meinem privaten Ich ist. Für mich ist es wie eine zweite Persönlichkeit. Und ich liebe es auch, mir Gedanken zu machen: Was ziehe ich auf der Bühne an? Worin fühle ich mich natürlich, aber trotzdem noch wohl? Es ist total wichtig, dass man sich auf der Bühne super fühlt in dem, was man trägt.

CJP

Ich finde es total spannend, dass du beim Thema „Was ist Mode für mich?“ sofort die Bühne mitdenkst. Das zeigt, wie übergreifend Mode in deinem Leben ist.

Carolin

Ja, wir waren immer viel unterwegs. Tour war für uns schon immer etwas total Wichtiges – und ein großer Teil von dem, was wir machen. Ich würde sagen, es ist immer noch the favorite part of my job: auf der Bühne zu stehen und direkt Feedback zu bekommen. Das gibt mir persönlich extrem viel Energie.

Romina

Ich habe Mode studiert, meine Uroma war Schneiderin, meine Mutter auch – um uns über Wasser zu halten, während sie Maschinenbau studiert hat. Deshalb ist für mich ganz klar: Mode ist ein kulturelles Gut. Und Mode spricht immer. Egal, ob wir uns damit auseinandersetzen oder nicht.

Manchmal präsentiert man damit auch eine Art Maske. Auf der Bühne, wenn man nicht möchte, dass das Persönliche zu sehr durchkommt. Oder wenn man bewusst eine andere Rolle einnehmen will – auf dem Red Carpet oder im Alltag. Das muss nichts Negatives sein. Es kann einfach heißen: Es gibt noch eine andere Seite, die ich hier zeigen will.

Auch auf der Straße sehen wir das. Menschen „maskieren“ sich. Das sehen wir bei Politiker:innen, bei der Art, wie Angela Merkel sich über ihre gesamte Amtszeit und Politikkarriere gekleidet hat, bei Bankern, in ganz vielen Bereichen.

Mode funktioniert über verschiedene Mechanismen: Schutz, Schmuck und Scham. Scham im klassischen Sinne: etwas bedecken. Schmuck, wie wir Mode oft verstehen – und fälschlicherweise als oberflächlich abtun... Und Schutz. Schutz meint nicht nur Kälte oder Wärme, sondern auch Schutz vor Blicken. Es gibt viele Künstler:innen, die eine Sonnenbrille tragen, um zumindest einen Teil von sich vor der Öffentlichkeit zu verbergen. Sie kann außerdem davor schützen, nicht ernst genommen zu werden.

„Mode funktioniert über verschiedene Mechanismen: Schutz, Schmuck und Scham.“
– Romina Mann

Zitat von Romina Mann: Mode funktioniert über Schutz, Schmuck und Scham
Inéz

Ich kann dieses Bedürfnis total verstehen, zumindest einen Teil von sich zu schützen, weil man den Leuten ohnehin schon so nah ist. Carolin hat das ja auch gesagt: Sie schützt dadurch ihre private Persönlichkeit. Wenn man emotional viel von sich teilt – musikalisch –, ist das super wichtig. Man ist ja nicht mehr nur unter engen Freund:innen, sondern in der Öffentlichkeit.

Romina

Ich glaube, deshalb ist es wichtig, dass wir immer wieder darüber sprechen. Mir liegt es total am Herzen, dass Mode anders betrachtet wird – auf vielen Ebenen. Dass wir verstehen, wie viel sie eigentlich macht. In anderen Ländern sind Menschen kulturell viel enger mit Mode verknüpft – auch auf der Entertainment-Ebene. In Deutschland heißt es schnell: Es darf bloß nicht zu modisch sein, sonst ist es oberflächlich. Dabei ist es genau das Gegenteil. Mode ist ein wichtiger Punkt von Persönlichkeit und Ausdruck, von „Wer bin ich heute?“.

CJP

Ist Mode für euch Kunst?

Romina

Auf jeden Fall.

Carolin

Ja. Für mich ist Mode ein Teil meiner Kunst. Und auch unabhängig davon ist sie Kunst. Alles, was schöpferisch ist, hat etwas Künstlerisches. Kunstformen können miteinander verschmelzen: auch Mode und Musik. Mode ist für mich Teil meiner Musik, und das ist im Laufe der Zeit immer mehr geworden. Und zur Musik gehören auch Bilder: Musikvideo, Bühne, Inszenierung. Fashion ist dafür unerlässlich. Sie verleiht unserer Kunst Ausdruck.

„Kunstformen können miteinander verschmelzen: auch Mode und Musik.“
– Carolin Niemczyk

Zitat von Carolin Niemczyk: Kunstformen können miteinander verschmelzen
Inéz

Das würde ich auch sagen. Weil man dadurch sehr viel beschreiben und sich nochmal anders ausdrücken kann. Für ein Musikvideo haben wir einen Wald als Kulisse genutzt, um die Gesellschaft zu spiegeln. Wir haben uns gefragt: Was wäre das Absurdeste in so einer Szenerie? Und haben ein Roter-Teppich-Shopping-Szenario inszeniert, komplett in High Fashion, Balenciaga und so weiter. Mode hat natürlich viel mit Konsum zu tun, das finde ich manchmal schwierig. Aber genau das zu nutzen, um etwas auszudrücken, finde ich besonders. Ich habe Jazzgesang studiert, und beim ersten Konzert dachte ich: Scheiße, was ziehe ich an? Ich darf mich auf keinen Fall schick machen – was denken die Leute?

Romina

Deutschland. Es tut mir leid, aber in keinem anderen Land würde jemand so denken.

Inéz

Ich habe mich total geschämt. Aber meine Professorin meinte: Du ehrst die Leute damit, dass du dich schick machst. Das war für mich ein wichtiger Schritt. Im Jazz ging es viel um „Authentizität“ – bloß nicht nach Pop aussehen. Es war ein langer Prozess, darin meine eigene Power zu finden. Und als es dann um Musikvideos ging, habe ich gemerkt: Das macht Spaß. Man kann sich kreativ ausleben. Genau das liebe ich: das Gestalten.

CJP

Wie viel Identität steckt in euren eigenen Stage-Outfits? Arbeitet ihr eng mit Stylist:innen zusammen?

Inéz

Letzte Woche hatte ich zwei Gigs mit Solomun und habe mir mein Outfit selbst per Hand genäht. Zu Weihnachten hatte ich mir eine Aldi-Mini-Nähmaschine gekauft, fünf Stunden ausprobiert und nichts hinbekommen. Meine Mutter meinte nur: Mit so einer Mini-Maschine funktioniert das nicht. Jetzt mache ich meinen ersten Nähkurs und kaufe mir eine richtige Maschine, weil ich richtig Bock habe, das selbst zu machen.

Ich habe mit vielen tollen Leuten gearbeitet. Christina Albrecht zum Beispiel – sie ist Schneiderin und Stylistin und macht „Human Touch“, wo sie zeigt, wie viele Arbeitsschritte hinter einem Kleidungsstück stecken, das am Ende vielleicht nur fünf Euro kostet. Das ist auch eine politische Arbeit. Mit ihr arbeiten wir bis heute eng an unseren Stage-Outfits für ÄTNA. Und auch mit Halla Farhat habe ich in letzter Zeit viel gearbeitet.

Früher hatte ich noch nicht wirklich die Sprache dafür, wie ich mich ausdrücken will. Mittlerweile bin ich da sicherer – und merke, dass ich Lust habe, Dinge selbst zu gestalten. Die Nähmaschine hat zwar nicht funktioniert, aber ich habe das Outfit abends in London im Hotelzimmer von Hand genäht. Und es hat geklappt. Ich werde ständig darauf angesprochen und denke: Ey, cool.

Mein Kleiderschrank ist voll, ich habe total Lust, Sachen upzucyceln und mehr selbst zu machen. Längst habe ich immer Bock, neue Leute kennenzulernen. Aber es ist viel Kommunikation. Man muss sich erst finden – und das dauert.

Carolin

Kann ich voll unterschreiben. Ich bin gerade an einem ähnlichen Punkt. Vor zehn, zwölf Jahren habe ich mir selbst Bühnenkleider genäht – abgefahrene Oberteile und Kleider. Ich kann nicht richtig gut nähen. Von außen sah es gut aus, aber wenn man die Nähte von innen angeschaut hat, war es eher... oh Gott.

Inéz

Voll egal!

Carolin

Ja, genau. Für die Zeit hatte ich mega Bock drauf. Ich habe mir einen Figurinenblock gekauft, alles vorgezeichnet und bei einer Freundin, die Modedesign studiert hat, ein bisschen über Schnittmuster gelernt. Ich war total motiviert und habe selbst geschneiderte Sachen auf der Bühne getragen. Später habe ich viel mit Stylistinnen gearbeitet. In einer Phase hatte ich mein Solo-Projekt CZYK – so wie die Boutique auch heißt. Dafür wollte ich richtig auf die Kacke hauen und habe mir auch Sachen anfertigen lassen. Fashionmäßig war das ein sehr kreatives Projekt, und das Video dazu fand ich visuell mega stark. Aber ich habe mich von den Stimmen drumherum ausbremsen lassen. Heute würde ich mir da nicht mehr reinreden lassen.

Inéz

Aber wieso ausbremsen?

Carolin

Bei meinem Solo-Projekt CZYK hat mir die Plattenfirma in der Anfangszeit immer wieder reingeredet und gesagt: „Nicht zu doll, nicht zu doll, nicht zu doll.“ Aber ich wollte doll. Seit zwei, drei Jahren mache ich wieder viel selbst – stelle Outfits zusammen und überlege: Was möchte ich auf der Bühne tragen? Was in Videos? Wir haben ein fertiges Album, das bald rauskommt – vielleicht brauche ich dann wieder Unterstützung. Aber es ist schwierig. Communication is key. Man muss eine gemeinsame Vision umsetzen, und das Schwerste ist, jemanden zu finden, bei dem wirklich alles matcht.

CJP

Romina, wie ist deine Erfahrung mit Musiker:innen?

Romina

Ich liebe es, mit Musiker:innen zusammenzuarbeiten. Wenn es klickt und man gemeinsam eine Vision verfolgt, finde ich das richtig geil. Für die Bühne muss viel handgefertigt und durchdacht sein. Ich kann einiges, aber nicht das, was eine Schneiderin oder Modedesignerin kann – da sind unglaublich viele Handgriffe nötig. Als Stylistin gehe ich auch ein Stück weit in die Imageberatung. Man gibt Selbstbewusstsein: „Hey, du kannst das tragen. Du darfst dich trauen.“ Gerade in Deutschland ist man schnell „zu angezogen“. Ich rede niemandem rein, aber ich pushe schon, damit Künstler:innen in sich hineinwachsen. Viele haben kein richtiges Gefühl für sich und für Mode. Ihnen wird oft nahegelegt: „Ihr müsst einfach nur nahbar sein, dann lieben sie euch alle.“ Dieses „bloß nicht anecken“: Das wird von Plattenfirmen häufig so gedacht: Wie können wir das vermarkten? Was verstehen die Deutschen?

Inéz

Aber manchmal passt diese Nahbarkeit ja gar nicht zum Gesamtimage.

Romina

Eben. Manche brauchen Jahre, um aus dieser „Bloß-nicht-anecken“-Hülle herauszutreten. Wenn wir uns die Musiklandschaft anschauen, sehen wir: Es gibt nicht viele, die bei Bühnenoutfits wirklich auf Entertainment setzen. Und wenn es jemand wagt, heißt es sofort: „Mach mal weniger.“ Dann muss man direkt erklären, warum man nicht weniger machen will.

Carolin

Das kann ich bestätigen. Gerade in der Singer-Songwriter-Pop-Zeit war das extrem. Ich habe oft gehört: „Das ist viel zu freizügig, viel zu krass, das verstehen die Leute im Pop-Bereich nicht. Du bist dadurch nicht nahbar.“ Man war sofort „zu abgefahren“, es hieß, das passe nicht zur Musik oder zum Publikum. Und dabei ist es gerade im Mainstream wichtig, wenigstens mit Fashion anecken zu dürfen. Ich habe aber das Gefühl, dass da gerade eine Entwicklung passiert. Das ist gut.

Romina

Ja, es verändert sich etwas — langsam. Aber ich finde es schade, dass immer noch gesagt wird: „Das verstehen die Leute nicht.“ Damit entmündigen wir die Konsument:innen. Warum trauen wir ihnen nicht mehr zu? Und vielleicht müssen auch diese ganzen alten Männer mal aufhören, die Oberhand zu behalten. Nur weil sie alle gleich aussehen, müssen wir das nicht auch tun.

CJP

Inéz, wir haben vorhin über deine Rolle als Botschafterin der Keychange-Kampagne gesprochen, mit der ihr euch als ÄTNA für Geschlechtergerechtigkeit in der Musikbranche einsetzt. Wir sind uns einig: Mode kann Botschaften tragen und Zeichen setzen. Welche Bedeutung hat Mode auf der Bühne, auf dem Red Carpet oder auf Social Media, gerade als Frau, für dich?

Inéz

Diese Geschichte von der Hochschule — dass ich mich lange dagegen gesträubt habe, mich schick zu machen — hat viel mit mir zu tun. Ich bin mit meinem Vater und meinem Bruder groß geworden. Für mich war es ein langer Weg, mich als Frau zu fühlen, vor allem auf der Bühne. Da war viel Scham: „Ich kann mich nicht zeigen.“ Mittlerweile habe ich diese Arbeit gemacht — teilweise bewusst, teilweise unbewusst. Und ich liebe es inzwischen, mich auch körperbetont auf der Bühne zu zeigen. „Körperbetont“ klingt für manche schnell heikel. Für wen ist was zu viel? Es ist ein schmaler Grat, am Ende auch Geschmackssache. Mir geht es darum, dass ich mich wohlfühle. Ich entscheide selbst, was und wie viel ich von mir zeige — von meiner Persönlichkeit und meinem Körper. Ich betone, was ich mag, und kaschiere, was ich nicht mag. Ich bin sehr happy, an diesem Punkt angekommen zu sein.

Trotzdem kamen Kommentare. Nach einem Konzert sagte eine Frau zu mir: „Das ist doch nicht nötig, du musst deinen Körper nicht so zeigen.“ Das hat mich überrascht, weil ich sie als sehr feministisch wahrgenommen habe. Eine andere Musikmanagerin meinte, wie erfolgreich wir seien — dafür, dass ich eine Frau bin. Es waren Frauen, die das gesagt haben. Ich denke: Jede Frau soll sich so präsentieren, wie sie möchte. Gleichzeitig frage ich mich, gerade in der Musikbranche, wie selbstbestimmt stilistische oder optische Entscheidungen wirklich sind. Zwischen Schönheits-OPs, Fillern und der Frage, wie man als Frau altern darf, ist das nicht immer eindeutig.

„Ich entscheide selbst, was und wie viel ich von mir zeige — von meiner Persönlichkeit und meinem Körper.“
– Inéz

CJP

Viele gehen doch wieder von der Außen- zur Innenwahrnehmung.

Romina

Oder vom männlichen Blick. Den muss man im Hinterkopf behalten. Gerade im Pop ist das Bild der „ewig jungen“ Frau extrem präsent. Natürlich kann jede sagen: Ich entscheide das selbst. Aber wir müssen uns fragen, in welchem visuellen System wir uns bewegen. Wer definiert eigentlich, was begehrenswert ist – und warum ist es so oft „jung“?

CJP

„Juicy 21“ ist doch das Alter. Das hört man leider immer noch.

Romina

Ja, oder wie – wir in den letzten Wochen schockierenderweise immer häufiger gesehen haben – einfach so jung wie möglich. Dieses Bild wird ganz offen aufrechterhalten: So sollst du bitte bleiben. Und es bleibt nicht nur „Kunstform“ – diese Bilder werden auf Bühnen, in Videos und auf Social Media ständig reproduziert. Das macht etwas mit uns.

Carolin

Ich habe die Hoffnung, dass spätestens Gen Alpha sich an diesen aufgespritzten Gesichtern und diesem „Alles muss posh sein“ sattgesehen hat. Vielleicht kommt wieder mehr Rückbesinnung, mehr Natürlichkeit.

CJP

Also selbstbestimmt in der Mode – aber gepaart mit Selbstliebe.

Ich würde gern zum nächsten Thema springen, das euch, glaube ich, alle beschäftigt: Nachhaltigkeit. Wenn ihr euch entscheiden müsstet – Vintage oder neu?

Inéz

Kombination. Kombination ist gut. Man kann ja auch aus Vintage etwas Neues machen.

Carolin

Oh ja. Gerade Upcycling ist mega spannend – aus mehreren Teilen etwas komplett Neues zu erschaffen. Das liebe ich.

Inéz

Das Verrückte ist, dass sich sowieso alles wiederholt. Ich warte immer darauf, dass wirklich etwas komplett Neues passiert – aber am Ende kommen die 90er zurück, die 80er, alles kommt wieder. Eigentlich kann man also auch alte Dinge nehmen und neu interpretieren. Aber natürlich wollen alle trotzdem etwas komplett Neues.

Romina

Es kommt gerade nicht mehr so viel wirklich Neues. Das klingt vielleicht hart, aber oft entstehen modische Strömungen aus massiven gesellschaftlichen Umbrüchen – aus Krisen, in denen man anders leben und sich dadurch auch anders kleiden musste. So entstehen Epochen mit eigenen Einflüssen und Sichtweisen. Ästhetisch passiert im Moment also wenig wirklich Radikales. Und ehrlich gesagt hoffe ich ein Stück weit, dass das so bleibt.

CJP

Mode hat eine starke gesellschaftliche Komponente. Sie ist politischer, als man auf den ersten Blick denkt. Die PANTONE-Trendfarbe des Jahres – „Cloud Dancer“, ein Weißton – wird als „leiser Hauch von Ruhe und Frieden in einer lauten Welt“ beschrieben. Auch das spiegelt gesellschaftliche Stimmungen und Sehnsüchte wider. Wenn ihr Bühnenoutfits auswählt: Geht ihr bei der Farbwahl eher intuitiv oder bewusst vor?

Carolin

Eher intuitiv. Wie Romina gesagt hat, hängt es total von der Stimmung ab. Manchmal habe ich Lust, auf der Bühne maximal aufzufallen. Manchmal möchte ich Mäuschen sein, etwas Graues anziehen, mich hinter einer Sonnenbrille verstecken und bloß nicht erkannt werden.

Inéz

Bei einer Tour ist es schon bewusster, weil alles geplant wird – Show, Umzüge, Dramaturgie. Trotzdem geht es auch um mich. Ich muss mich wohlfühlen. Ich entscheide nach Gefühl und danach, worauf ich Lust habe und was mir wirklich gefällt. Inzwischen weiß ich sehr genau, worin ich mich wohlfühle.

CJP

Carolin, wir kommen zu deiner Boutique CZYK, die du seit 2023 in Berlin führst. High-Fashion-Rental kennt man eher aus „Sex and the City“ als aus deutschen Innenstädten. Was hat dich dazu bewegt, dieses Konzept hier umzusetzen?

Carolin

Ich habe irgendwann meinen Kleiderschrank ausgemistet und gemerkt: Ich ertrinke in Kleidung. Das hat sich nicht mehr gut angefühlt, weil so viel Konsum darin steckte. Gleichzeitig habe ich erlebt, dass auf Bühne und Red Carpet ganz genau hingeschaut wird. Ich habe Kommentare bekommen, wenn ich etwas doppelt getragen habe – obwohl genau das ja nachhaltiger wäre. In meinem Kleiderschrank steckten so viele Geschichten: Videodrehs, Fotoshoots, Red Carpets. Und ich dachte, es wäre schade, wenn diese Teile einfach nur hängen bleiben. Also habe ich mich mit Cecilia, meiner Stylistin, zusammengesetzt. Sie hat eine Make-up-Schule in Berlin-Mitte, eine tolle Location – und oben waren mega coole Räumlichkeiten frei. Wir haben unsere Kleiderschränke zusammengelegt und daraus eine Rental-Boutique gemacht. Die Idee war: Diese Stücke sollen ein zweites, drittes, viertes Leben bekommen. Menschen sollen sie tragen und neu entdecken können. Inzwischen haben wir erweitert, weitere Größen aufgenommen, Accessoires ergänzt und teilweise Vintage dazugekauft. Und anders als bei klassischen Stylist:innen-Verleihen kann bei uns jede und jeder einfach vorbeikommen und sich etwas leihen.

„In meinem Kleiderschrank steckten so viele Geschichten: Videodrehs, Fotoshoots, Red Carpets.“
– Carolin Niemczyk

CJP

Ich finde, du hast damit in Deutschland ein echtes Vorbild geschaffen: einzigartige Looks tragen – und das nachhaltig. Wie nimmst du als Unternehmerin den Vintage-Trend wahr? Ist das eine Entwicklung, die bleibt?

Carolin

Am Anfang haben wir hauptsächlich mit Stylist:innen gearbeitet, die für Künstler:innen ausgeliehen haben – also mit Menschen, die das Konzept schon kennen. Für uns war, und ist es teilweise noch, eine Herausforderung, auch Menschen außerhalb der Branche zu erreichen. Also wirklich zu vermitteln: Wenn ihr auf eine Hochzeit, eine Party oder einen besonderen Anlass geht, könnt ihr bei uns leihen, das Teil drei Tage oder eine Woche tragen und dann zurückbringen. Ich habe das Gefühl, dass dieses Rental-Konzept, das außerhalb Deutschlands viel selbstverständlicher ist, hier noch nicht überall manifestiert ist. Ich bin mir sicher, dass das passieren wird – aber es braucht noch Zeit. (Anm. d. Red.: Carolin verabschiedet sich aufgrund eines Folgetermins.)

CJP

Romina, ich kenne es selbst aus meiner Zeit als Assistenz beim Fotografen und im Styling: Es lässt sich kaum vermeiden, viele Pakete hin- und herzuschicken. Wie gehst du bei deinen Aufträgen mit dem Thema Nachhaltigkeit um? Arbeitest du für Bühnen- oder Red-Carpet-Outfits auch mit Vintage-Stücken?

Romina

Wenn Künstler:innen selbst Vintage im Kleiderschrank haben, geht das. Aber grundsätzlich ist mein Beruf nicht nachhaltig. Allein die vielen Pakete – das ist schon krass. Ich werde gebucht, um alles zusammenzutragen, an einem Ort zu bündeln und beim Fitting eine Auswahl zu haben. Dafür muss ich Teile zurückgeben können. Vintage bedeutet oft: No Return – und das ist in meinem Job schwer umsetzbar. Wenn ich 15 Teile kaufe und am Ende werden nur drei getragen, muss jemand die restlichen bezahlen. Einen eigenen Fundus kann und will ich nicht aufbauen. Nachhaltiger zu arbeiten bedeutet meist: mehr Zeit, mehr Budget. Entweder kaufe ich mehr Teile ohne Rückgabemöglichkeit oder wir gehen gemeinsam los – was zusätzliche Arbeitszeit kostet. Es ist ein ständiges Austarieren zwischen Ideal und Realität. Deshalb ist es manchmal tatsächlich „nachhaltiger" bei großen Plattformen zu bestellen, wo Rückgaben möglich sind, als bei kleinen Stores ohne Retouren.

CJP

Inéz, hat sich dein Verhältnis zur Nachhaltigkeit im Modekontext über die Jahre verändert?

Inéz

Auf jeden Fall. Ich erinnere mich an Musikvideos, bei denen unfassbar viel bestellt wurde – in verschiedenen Größen, mit unzähligen Optionen. Ich habe auch selbst schon das Styling übernommen und Berge bestellt. Das schlechte Gewissen war riesig. Man verliert komplett den Überblick. Danach bin ich bewusst zurück zur Zusammenarbeit mit Stylist:innen oder Designer:innen gegangen, die gezielt auswählen und anpassen oder anfertigen. Das war für mich nachhaltiger – auch mental. Heute denke ich viel stärker in Richtung Upcycling. Ich miste weniger aus, weil ich sehe, wie hochwertig viele Stoffe sind. Man kann Schnitte verändern. Dinge neu denken. Natürlich stößt man auch da an Grenzen – Platz, Zeit, Alltag.

CJP

Was wünscht ihr euch für die weitere Entwicklung von Mode – in der Musikbranche, in den Medien, generell in der Gesellschaft?

Romina

Ich wünsche mir vor allem, dass Mode als kulturelles Gut wahrgenommen wird. Dass sie ernst genommen und gefördert wird. Es fehlt an gesellschaftlicher Ernsthaftigkeit – und das setzt sich in Medien und Musikindustrie fort. Man merkt es daran, wie mit meiner Kunstform umgegangen wird: wie sie bewertet, bezahlt und welchen Stellenwert ihr eingeräumt wird. Bei großen Produktionen stehen „jeder und seine Mutter“ am Set und äußern sich zu Outfits. Es geht selten um Bildsprache oder Inszenierung, sondern darum, ob da nicht „ein bisschen weniger Stoff“ dran sollte. Und das ist oft extrem männlich geprägt – dieser Blick. Manchmal sind es auch Frauen in hohen Positionen, die sich ihre Stellung hart erkämpft haben und sie verteidigen müssen – und statt andere mitzunehmen, eher abwerten. Da spielen Macht und Unsicherheit eine große Rolle. Ich wünsche mir mehr Vertrauen in Expertise. Und mehr Wertschätzung. Und ich sage es ganz offen: Deutschland ist unfassbar schlecht angezogen. Entweder geben sich Menschen gar keine Mühe – oder zu viel. Aber selten authentisch. Wenn wir anfangen, Künstler:innen bewusster und klarer anzuziehen, prägen wir Bilder. Je öfter wir gute Bilder sehen, desto normaler werden sie. Ich wünsche mir, dass Menschen besser angezogen sind – im Sinne von: näher bei sich selbst.

„Ich wünsche mir vor allem, dass Mode als kulturelles Gut wahrgenommen wird.“
– Romina Mann

CJP

Kleider machen Leute.

Inéz

Daran denke ich die ganze Zeit, seit wir hier um 10 Uhr angefangen haben!

CJP

Oder? Und wenn du dazu beiträgst, dass Menschen durch ihre Kleidung mehr zu dem werden, was sie sind: toll.

Romina

Und wer sie sind – nicht nur was, sondern wirklich wer sie sind.

Inéz

Wenn ich durch London oder Paris laufe, merke ich sofort einen Unterschied. Ich trage zum Beispiel meine „Sehstärke-Brille“[Anm. d.R.: siehe Selfie] – ich muss ja eine Brille tragen – und dort lächeln dich die Leute an, machen Komplimente. Es macht Spaß, sich auszudrücken. Da ist Humor drin. In Dresden, wo ich zur Hälfte lebe, fällt man damit extrem auf. Ich wünsche mir mehr Offenheit, mehr Freude am Gestalten. Die Welt wäre so viel bunter. Bei der Beerdigung meiner besten Freundin war ihr Wunsch, dass sich alle schick und bunt anziehen. Man hat schon von Weitem gesehen, wer zu ihr gehörte. Das war wunderschön. Kleidung zeigt Zugehörigkeit.

Romina

Mode hat immer mit Zugehörigkeit zu tun – mit Überzeugungen, manchmal auch mit Überleben. Aber wir müssen uns mehr Gleichzeitigkeit erlauben. Es wäre schön, wenn mehr Menschen sich eine Brille aussuchen, die sie lustig finden. Und es ist genauso okay, wenn jemand sagt: Ich will eine leichte, unauffällige Brille, weil sie praktischer ist. Beides darf sein. Das Problem ist nur: Oft ist es sehr beige und grau, weil wir uns so stark anpassen.

Inéz

Wenn ich an meine Schulzeit zurückdenke, gab es Dreads, Gothics, unterschiedliche Subkulturen. Heute habe ich das Gefühl, viele junge Menschen sehen gleich aus.

Romina

Das stimmt, ästhetisch ist vieles sehr ähnlich. Ich glaube, die Jugend hat gerade wenig Raum. Sie ist überfordert – durch Social Media, durch globale Krisen, durch unsere Ängste als Erwachsene. Wenn man Angst spürt, passt man sich eher an. Gleichzeitig sehe ich auch Positives: Andere Communitys nehmen sich mehr Raum – und bekommen ihn zunehmend. Und das ist wichtig. Als ich meinen Kindern Bad Bunny gezeigt habe [Anm. d.R.: Super Bowl LX Halftime Show], war ich emotional. Nicht nur wegen der Musik, sondern weil sich dort Menschen Raum nehmen – kulturellen Raum. Genau das brauchen wir: mehr Mut zur eigenen Bildsprache.

CJP

Mehr Freiheit, mehr Echtheit.

Inéz

Mehr Individualität.

Selfies: Carolin Niemczyk, Inéz, Romina MannCarolin Niemczyk Stage Foto: Markus Haner

Printstrecke mit Inéz auf der Bühne im selbstgenähten Outfit, Alexandra Palace London 2026

Printstrecke Inéz – Stage-Outfit Alexandra Palace, London, 2026. Foto: Elena Winterer. Inset-Selfie: Carolin Niemczyk.

Printstrecke mit Carolin Niemczyk auf der Bühne, Deutschland-Tour 2024

Printstrecke Carolin Niemczyk – Lieblingsbühnenoutfit, Deutschland-Tour 2024. Foto: Markus Haner. Inset-Porträt: Inéz.

Printstrecke mit Romina Mann im Lieblingsoutfit für Trettmann, 2024

Printstrecke Romina Mann – Lieblingsoutfit für Trettmann, Your Love Is King 2 (EP), 2024. Foto: Finn Bündert. Inset-Selfie: Romina Mann.