Man stelle sich ein in die Jahre gekommenes Schaltpult vor. Wild blinkend. Ein mechanisches Etwas mit 100 Knöpfen und Bildschirmen, die direkt aus dem Hauptüberwachungsraum Tschernobyls stammen könnten (oder Stammheim) — und hiervor, auf der rechten Seitenbühne (oder wie man hier sagt „Bühne Nord“), Cornelius, der Chef-Inspizient der Stuttgarter Staatsoper. Er ist der Grund, dass hier gleich überhaupt irgendetwas passiert; er ruft Sänger ein, gibt Lichtcues, lässt Unterbühnen und Flugwerke fahren, warnt, reagiert, weist darauf hin, etwas leiser zu sein, lacht über Witzchen, führt durch.
Vor ihm liegen das Libretto und der Klavierauszug, die er akribisch Note für Note und Wort für Wort verfolgt, weil sie in dieser Welt sein einziger Halt sind, alles diktieren — für die nächsten 100 Minuten seine einzige Wahrheit darstellen. Und dieses Libretto ist von mir. Der ganze Abend, die ganze Welt — alles einst poröse, immer wieder durchgestrichene und wieder hingeschriebene, zeitweise furchtlos standhafte, meist sich selbst der Hochstaplerei bezichtigende, merkwürdig persönliche, immer wieder nur Oper simulierende, dann alles zerschlagen wollende, immer wieder zur Kontrolle auch eigens gerappte Zeilen, die ich irgendwann niederschrieb.
Hinter Cornelius stehe ich — beobachte sein Tun mit purer Faszination für seine Liebe zu jedem Detail und warte auf die vierte Szene des ersten Akts, in der ich einen kleinen Gastauftritt habe, während ich mich frage, wie ich hier gelandet bin.
Wie endet ein Rapper auf der Bühne einer Staatsoper?!
Hm. Also zunächst würde ich dafür dem Ansatz der stumpfen Stringenz in meinem Tun nachjagen. Ich habe mich früh weniger darum geschert, wie Sprache in Rap oder Pop funktioniert, sondern eher dem stetigen Rufen aus meinem Inneren mehr Gehör als Trends oder Erfolgsversprechen geschenkt — was mich natürlich unfreiwillig abseits vom gängigen Kanon der Popwelt positioniert hat. Lustigerweise kann ein Linksaußen in der Popwelt im Handumdrehen aber zu einem Rechtsaußen in der Hochkultur werden. Und vielleicht auch andersherum.
Das fremde vertraute Zuhause. Die vermeintliche Nähe zwischen den so klar abgetrennten Bereichen. Upside Down. Manch Pop- oder Rapkosmos hat viel mehr Tiefe als man ihm unterstellen würde — so wie manch Hochkultur-Erzeugnis nur eine tiefe Grube unter sich hat ausheben lassen, um das Haus in falscher Tiefen-Sicherheit zu wähnen. Der unüberwindbare Graben, der sich zeitweise als mit Kreiden auf dem Marktplatz gemaltes 3D-Trugbild herausstellt, über das man einfach spaziert, anstatt hineinzufallen. Und plötzlich ist Rap nicht nur der etwas bedenkliche Crossover-Versuch, sondern auch eine Frischwasserkur für dieses riesige Opern-Aquarium, das seit Jahrhunderten gekonnt unter größter Anstrengung erfolgreich Wasser filtriert und aufbereitet, um nicht zu kippen. (Wie eine Beziehung aus einem Flirt werden kann: Beide merken, dass sie einander brauchen.)
Wenn man nun aber denkt, dieses Annähern wurde von beiden Welten wahrgenommen und hat stringent einen Rapper auf die Staatsopernbühne befördert, wäre das nicht akkurat.
Der Zufall hat mich dort ausgespuckt — der Zufall einer Pandemie, einer Band, die dafür zu „unwendig“ war, eines Abends an einer Bar, des Einspringens in der Not, des genauen Blicks eines Opernintendanten und der Freude ein paar weniger an der Ungewissheit. Das alles und vielleicht darüber hinaus die absolute Bereitschaft, einige Jahre ohne Vorwissen an einer Oper zu schreiben und mich in einem mir völlig fremden Feld neu zu verorten, ließen einen Rapper auf der Bühne der Staatsoper stattfinden.
Was alles irgendwie auch gar nicht so wichtig ist, sondern viel eher: Wie funktioniert Sprache in einer neuen Welt? Wie viel nimmt man aus der eigentlichen Welt mit in die Neue und wie viel adaptiert man? Wie sehr ist man Fels, wie sehr Sand im Uhrglas? In meinem Fall wusste ich nach ein paar ersten abstrakten, eher literarischen Entwürfen, dass ich lieber die Mechanik und Struktur aus Rap als Unterbau für das Libretto des roten Wals nehmen wollte. Zudem war mir (und den beiden Komponisten Vivan und Ketan Bhatti) von Anfang an klar, dass wir nicht Rap auf dem Silbertablett mit goldener Kette umgehängt im Licht des Verfolgers in eine Oper reinspektakeln wollten, sondern die Vortragsform gerne stufenlos verstellbar von Sprechgesang bis zur Arie umherwandern lassen wollten. Also nicht mit Rap in die Opernwelt gewalzt kommen, sondern eher recherchieren, wie Sprechgesang bisher in der Musiktheater-/Opernwelt stattfand und dieses weiterführen. Im Fremden das Vertraute suchen und das Fremde im Vertrauten.
Und plötzlich sind Brecht, Sondheim und Wagner die Rapper und man selbst Opernschaffender.
Nur so kann eine neue Sprache entstehen! — geshaped von einer Zwischenwelt, einem Transit, vielleicht sowas wie einer Nachbarschaftsliebe zwischen Berg und Tal, kaltes Wasser als Cold Plunge für den alten Sprachknochen, einem kontrollierten Rückbau der Ehrfurcht — ohne zu viel Bürokratie, einem Reinspringen, einem Fallenlassen, einem Augen-auf-und-durch, einem unkontrollierten Laufenlassen, einem dann aber … — Oh, mein Einruf ist erfolgt!!Zurück ins Jetzt. Cornelius gibt mir noch ein kleines Handzeichen und schon mache ich mich auf, in meine kleine Tauchkapsel mit der meine Rolle in weniger als einer Minute auf der Bühne erscheint — die Sprache als meine vertraute Liebhaberin, die mich an der Hand auch durch die Räume mit den hohen Decken führt.
Und … der Decker fährt.